Eugen Onegin in Hamburg – klassische Inszenierung

EUGEN ONEGIN

Eugen Onegin (Yevgeny Onegin). Oper in drei Akten von Pyotr Il’yich Tchaikovsky. 1878. Libretto vom Komponisten und Konstantin Stepanovich Shilovsky, nach dem Versroman von Puschkin. Uraufführung am 23. Januar 1881 im Bol’shoy-Theater in Moskau.

Musikalische Leitung: Lidiya Yankovskaya. Larina: Katja Pieweck. Tatjana: Ruzan Mantashyan. Olga: Marta Świderska. Filipjewna: Janina Baechle.  Eugen Onegin: Alexey Bogdanchikov. Wladimir Lenski: Dovlet Nurgeldiyev. Fürst Gremin: Alexander Tsymbalyuk. Ein Hauptmann: Hubert Kowalczyk. Saretzki: Han KimPhilharmonisches Staatsorchester HamburgChor der Hamburgischen Staatsoper. Inszenierung: Adolf Dresen.  Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann. Kostüme: Margit Bárdy. Choreografie: Rolf Warter.

Music 2,5*
Direction 3,5*

Die 93. Aufführung der Inszenierung «nach» Adolf Dresen von Peter Tschaikowskis „Lyrischen Szenen“ Eugen Onegin seit ihrer Premiere am 11.Februar 1979 an der Hamburgischen Staatsoper hinterliess gemischte Gefühle. Das Regietheater hat in Hamburg in den letzten Jahrzehnten bekanntlich derart überhandgenommen, dass es in Deutschlands zweitgrösster Stadt kaum noch möglich ist, grosse Opern-Repertoire-Klassiker unverfälscht zu erleben, was eine Tatsache ist, die traurig und nachdenklich macht. Umso dankbarer, sollte man sein, dass diese klassische Inszenierung auch nach über 40 Jahren immer noch regelmässig auf dem Spielplan steht. Trotzdem muss man nach dem Ansehen dieser historischen Produktion – die vor Jahrzehnten übrigens auch an der Pariser Oper gezeigt wurde- hinterfragen, ob man eine klassische  Eugen Onegin– Produktion nicht zuletzt auch handwerklich besser abliefern könnte. Die Bühnenbilder «nach» Karl-Ernst Hermann halten sich zwar detailliert an die Anweisungen von Partitur und Libretto, wobei für jede Szene ein eigenes Setting eingerichtet ist, welches längere Umbaupausen erfordert. Das lässt das Publikum in einer schnelllebigen Zeit auf wohltuende Weise innehalten und erinnert an vergangene Theater-Epochen, als man gespannt auf die nächste Szene wartete. Allerdings sind die einzelnen Bühnenbilder in Teilen ungünstig gestaltet. Das grosse Bühnenportal der Staatsoper wird in seiner Grösse kaum genutzt, man fragte sich wie viel von der Aufführung in den oberen Rängen noch sichtbar ist. Auch wurden die Bühnenbilder für Szenen, die die Präsenz des Chores erfordern sehr einengend gestaltet, während die intimen Momente häufig auf weit offener Szenerie stattfanden.

Eugen Onegin
©2023 Hans Jörg Michel

Dieses Paradoxon erwies sich insbesondere in der Festszene zu Tatjanas Namenstag, dass in einen düsteren und engen Eingangsbereich von Larinas Gutshaus verlegt wurde, an dessen Seiten man den Festsaal nur noch erahnen konnte, als problematisch. Erst die im Nebel und Schneesturm stattfindende Duell-Szene, sowie das elegante Palais des Fürsten Gremin im letzten Akt, schafften es optisch, die Atmosphäre dieses Meisterwerk widerzuspiegeln. Die Kostüme von Margit Bàrdy waren jedoch sehr aufwendig gestaltet und bildeten sowohl das Landleben in Russland, als auch dasjenige in Sankt Petersburg Ende des 19. Jahrhunderts adäquat ab. Nur wenige im Publikum dürften dabei gemerkt haben, dass Alexander Puschkin seinen Versroman bereits um das Jahr 1820 angesiedelt hatte und die Produktion die Zeit der Handlung, wenn auch sehr dezent, verlegt hatte. Ein grosses Ärgernis stellten in der besuchten Aufführung die Tänzer im ersten Akt dar, wobei davon auszugehen ist, dass diese in dieser Form erst kürzlich im Sinne des heutigen Zeitgeistes in die Produktion eingefügt worden waren. Grundsätzlich wäre Adolf Dresens Inszenierung jedoch ein adäquater Rahmen gewesen, das Drama mit entsprechenden Sängern ganz aus der Musik heraus zu entwickeln, was leider in dieser letzten Aufführung der aktuellen Serie nur sehr eingeschränkt der Fall war.

Eugen Onegin
© 2023 Hans Jörg Michel
Der Freischütz
Eugen Onegin
© 2023 Hans Jörg Michell

Alexey Bogdanchikov lässt mit seinem brüchig klingenden Bariton in der Titelrolle jegliche Eleganz vermissen. Da wurde seine Arie, in der er Tatjana auf so verletzende Weise zurückweist, fast beiläufig „abgeliefert“, da gerieten die grossen Auseinandersetzungen mit Lenski und am Ende mit Tatjana zu blass, um emotional zu berühren. Ruzan Mantashyan konnte als Tatjana dagegen immerhin durch ihr anrührendes Spiel darstellerisch überzeugen, während stimmlich auch bei ihr Abstriche gemacht werden mussten. Während die Stimme im Piano und der Mittellage zu wunderschönen Phrasen fähig ist, verengt sie sich in den lauteren und höher gelegenen Passagen und neigt dann zur Schrille, worunter vor allem die emotionalen Ausbrüche der zentralen Briefszene litten.  Dovlet Nurgeldiven bewältigt den Dichter Wladimir Lenski mit sauber geführtem Tenor, war jedoch vom Timbre her für die Rolle zu hell. Seine grosse von Todesahnungen geprägte Arie «Kuda, Kuda» gestaltete er jedoch musikalisch sehr eindringlich und berührend. Rundum ausgezeichnet präsentierte sich Alexander Tsymbaliuk, hauseigener Star-Bassist der Hamburgischen Staatsoper, mit seinem an Eleganz und Musikalität kaum zu überbietenden Vortrag der berühmten Arie des Fürsten Gremin im dritten Akt. Ebenso grossartig waren die drei Mezzosopranistinnen besetzt: Marta Swiderska als sinnliche Olga, Katja Pieweck als immer noch attraktive Grossgrundbesitzerin Larina und die wahrlich als Luxusbesetzung geltenden Janina Baechle als liebevolle Amme Filipjewna. Allen dreien gelang es vokal markante Akzente zu setzen. Der ursprünglich aus Chur stammende Tenor Peter Gaillard, seit 1986 im Ensemble der Hamburgischen Staatsoper, begeisterte mit seinem Auftritt als Triquet mit seinen französisch gesungenen Couplets, wobei er den Refrain «Brillez» entgegen der heutigen Praxis auf wohltuende Weise unaffektiert gestaltete. Solide sangen Hubert Kowalczyk den Hauptmann, Han Kim den Saretzki und  Dimitar Tenev den Vorsänger des Bauernchores. Dieser war, wie auch die übrigen Chöre des Abends von  Christian Günther äusserst klangprächtig einstudiert worden.

Eugen Onegin
©2023 Hans Jörg Michel

Leider hatte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Dirigentin  Lidiya Yankoskaya keinen guten Abend erwischt. Das Orchester klang über weite Strecken zu laut und undifferenziert, wobei es den Sängern zum Teil schwergemacht wurde, sich über die Klangwogen hinwegzusetzen. Man vermisste die sensible, sehnsüchtige und wehmütige Grundstimmung von Tschaikowskys Musik, die sich in dem durch die ganze Oper ziehenden Seufzermotiv («Sospiratio») niederschlägt. Selten habe ich das Cello, das Tatjanas Briefszene einleitet, so beiläufig und unemotional gehört. Auch die mitreissenden Tänze, Walzer, Mazurka und die weltbekannte Polonaise verfehlten weitgehend ihren Effekt.

Das Publikum, hatte das grosse Auditorium der Staatsoper an einem Samstagabend (!) nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt, wobei sich nach der Pause noch mehr Sitzreihen geleert hatten. Diejenigen die geblieben waren, spendeten  allen beteiligten Künstlern freundlichen, jedoch nicht überschwänglichen Applaus. Man verliess das Opernhaus mit dem Gefühl, eine Repertoire-Aufführung gesehen zu haben, bei der die Hamburgische Staatsoper deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben war.

Marco Aranowicz

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Marco Aranowicz

EDITOR-IN-CHIEF

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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Willem
Willem
11 Monate zuvor

Mooi om te lezen, Opera Spanga komt in 2023 met deze opera. (Of is dit vloeken in de kerk)😉

Werner
Werner
11 Monate zuvor

Und das ist mir in Hamburg leider auch schon aufgefallen. Das Repertoire ist nicht gepflegt. Ich habe dort einmal eine ganz schlecht einstudierte Hänsel und Gretel Aufführung gesehen. Nachfolgend ein Video von derselben Eugen Onegin-Produktion, wo die Personenführung und die Choreographie noch stimmen:

https://ok.ru/videoembed/1549073910300

G. Müller
G. Müller
11 Monate zuvor

Schade, im Grunde eine schöne Produktion. Wobei ich die Zeitverschiebung auch unnötig finde.