CENDRILLON. Ab 20. Dezember wieder als Stream-on-Demand verfügbar. Die weltbekannte Geschichte vom Aschenputtel in Jules Massenets selten zu hörendem romantischen Klangkosmos interpretiert Regisseur Damiano Michieletto als ganz realen Befreiungsversuch. Zu den Festtagen 2020 wieder als Stream verfügbar.

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Cendrillon von Jules Massenet. Conte de Fées in vier Akten [1899]. Libretto von Henri Cain nach dem Märchen Cendrillon ou La Petite Pantoufle de verre von Charles Perrault. Rezensierte Aufführung: Premierenstream vom 20. Dezember 2020, Komische Oper Berlin.
 

Cendrillon: Nadja Mchantaf
Madame de la Haltière: Agnes Zwierko
Le Prince Charmant: Karolina Gumos
La Fée: Mari Eriksmoen
Noémie: Mirka Wagner
Dorothée: Zoe Kissa
Pandolfe: Werner van Mechelen
Le Roi: Carsten Sabrowski
Le Doyen da la Faculté: Christoph Späth
Le Surintendant des plaisiers: Nikola Ivanov
Le Premier Ministre: Philipp Meierhöfer
Alte Fee:  Evelyn Gundlach

Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

Musikalische Leitung: Henrik Nánási 
Inszenierung: Damiano Michieletto

Muziek: *4*
Regie:  *4*

Cendrillon – Liebe über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg

Eine alte Dame in dunklem Trench, die weißen Haare zum Knoten gebunden, eine Handtasche umklammernd, betritt von der Seite die dunkle Bühne. Aus ihren Manteltaschen baumeln die Satinbänder von Ballettschuhen.

An der einen Wand steht ein Klavier, zwei große Spiegel mit Stangen davor an der anderen, wir befinden uns in einem Ballett-Probensaal. Der Hausmeister im grauen Kittel kommt herein. Die Ballettprobe beginnt. Tänzer wärmen sich auf, dehnen sich. Rollen werden einstudiert.

Szenenwechsel. Die Spiegel sind jetzt verhüllt. Eine junge Frau wird mit ihrem Krankenbett von einer Schwester ins Zimmer geschoben, sie wälzt sich im Bett, versucht, mit ihrem geschienten Bein aufzustehen. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Sie stürzt, ist verzweifelt, fraglich, ob sie je wieder wird tanzen können.

„Give up hope, Cinderella“

Es gibt verschiedene Versionen des Aschenputtel-Märchens: Da ist einmal die Vollwaise, die zusammen mit ihrer Stiefschwester Annabelle von der bösen Stiefmutter großgezogen wird. Sie muss, wie die Mägde und Knechte, die auf dem Landgut leben, hart arbeiten, wird zusätzlich verspottet und tyrannisiert. Dann gibt es die Geschichte basierend auf dem Grimmschen Märchen „Aschenputtel“. Hier hat das hübsche Mädchen Margit zwei hässliche und böse Stiefschwestern, Hulla und Trulla. Ihr Vater lebt noch, nur gutgläubig, wie er ist, bekommt er nicht mit, wie schlecht seine Frau die ungeliebte Stieftochter behandelt. Diese kann nur den Tieren ihr Leid klagen und findet Verbündete in den Tauben, deren Sprache sie versteht. Gemeinsam beschließen sie, Aschenputtel zu helfen.

Cendrillon
Nadja Mchantaf (Cendrillon). Foto: Monika Rittershaus.

Ein Prinz sucht eine Frau, findet aber nicht die richtige. Ein Zauberer verwandelt sich in einen Hofnarren und zeigt dem Prinzen den richtigen Weg, eine Braut zu finden. Der Vater des Prinzen veranstaltet ein pompöses Fest. Die beiden Stiefschwestern brezeln sich auf. Der Zauberer, in einen Friseur verwandelt, ruiniert ihnen die Haare. Aschenputtel träumt, auch auf dieses Fest zu dürfen, muss aber für die Stiefmutter Linsen aus der Asche holen. Eine gute Fee sendet Tauben, die Aschenputtel helfen, die Linsen aus der Asche picken. Die Fee zaubert einen goldenen Wagen herbei, aus den Tieren des Hofs werden Kutscher und Pferde, so dass Aschenputtel doch noch zu später Stunde das Fest besuchen kann.

„Feen, Geister, Elfen, eilt herbei!“

Der Prinz ermüdet beim Anblick all der ihn umgarnenden Mütter und Töchter. Zuvor hat er von einem Mädchen geträumt, welches wie Aschenputtel aussieht. Auf dem Fest erkennt er in ihr das Mädchen aus seinem Traum. Sie tanzen. Jeder fragt sich, wer die schöne Fremde ist, die um kurz vor Mitternacht hastig verschwindet. Zurück bleibt nur ihr gläserner Schuh, den sie in der Eile verloren hat. Der Prinz sucht im ganzen Land nach der einen, der dieser Schuh passt, weil er nur diese Frau heiraten will. Aschenputtel passt der Schuh.

„Werde ich dich verlieren? Nein, lieber sterbe ich.“

In der Vertonung des Franzosen Jules Massenet, Komponist der Spätromantik, wird das weltbekannte Märchen vom unglücklichen Mädchen mit schnellem Orchestersound und zart-fragil anmutenden Melodien zu einem beeindruckenden Musiktheater-Stück. Die anmutige, verunglückte Ballerina flüchtet sich in ihrer Verzweiflung in Träume von wahrer, großer Liebe. Damiano Michieletto hat diese Opern-Rarität realistisch-ironisch und heiter-leicht inszeniert. Die Sopranistin Nadja Mchantaf singt die Titelpartie ausdrucksstark und perfekt nuanciert zwischen Hoffnung, Verzweiflung, Sehnsucht und Ungläubigkeit. Optisch und stimmlich begeistert sie an diesem Abend ihr Publikum. Die Opern- und Konzertsängerin meistert den Abend bravourös, nuanciert, wirkt nie angestrengt, besticht in jedem Moment und hinterlässt bleibenden Eindruck.

Karolina Gumos spielt ihr ebenbürtig mit braun-keckem Bubikopf den Märchenprinzen. Glaubhaft burschikos und fragil zugleich beglückt sie als er das Publikum und die heimischen Zuhörer. Erst gelangweilt, dann sichtlich genervt, später verliebt, beglückt, suchend, erlöst wirkt sie/er in jeder Phase glaubhaft und überzeugt. Die Mezzosopranistin, die von sich sagt, sie brauche die Natur zum Atmen, seit 2006 fest im Ensemble der Komischen Oper, aufgewachsen an der Danziger Bucht direkt am Meer, kam eher zufällig erst mit 18 Jahren zur Musik. Bei jedem ihrer Auftritte spürt man, mit wieviel Freude und Leidenschaft die zarte Person dabei ist. Dunkel-schwer und kraftvoll erklingt ihre Stimme, mit viel Klang und Stimmsicherheit.

1899 erlebte Jules Massenets Vertonung in Paris ihre Uraufführung und trat gleich nach der Premiere einen weltweiten Siegeszug an. Der seinerzeit erfolgreichste Komponist traf die Sehnsucht der Menschen nach Liebe, Flucht und Ausbruch aus der oft banalen und rauhen Wirklichkeit in große Gefühle, verbunden mit der Hoffnung, dass alles möglich ist, wenn man nur daran glaubt. Die Märchenfiguren werden zu Menschen, Identifikationsfiguren und Projektionsflächen für jedermann. Genau das, was es in diesen Zeiten wieder braucht.

Cendrillon - eine rundum gelungene Aufführung
Karolina Gumos (Le Prince Charmant). Foto: Monika Rittershaus.

„Flüchtige Schimmer, kurzlebige Glimmer“

 Auf der Bühne der Komischen Oper bleibt die alte Dame am Krankenbett zurück, tritt heran, holt eine Hand voll Goldstaub aus ihrer Tasche und pustet das Feengold auf das Haupt der fiebernden Kranken, Schlafenden. Acht alte Damen, die Tauben im Märchen, werden zu Beschützerinnen und Patinnen.

Im 2. Akt liegt die Verletzte und Verspottete wieder in ihrem Krankenbett, weiß nicht, ob der Ball des Prinzen nur ein Traum im Fieberdilirium oder erlebtes Glück war. Die böse Stiefmutter tritt mit den Stiefschwestern an ihr Bett, berichtet vom Abend, lügt, quält die Leidende und Geschundene verbal und traktiert sie körperlich.

Der König bestellt die Prinzessinnen ein, aber keiner passt der Schuh. Im Zauberwald, ist es Fiktion oder wahr? – tanzen Prinz und Auserwählte. Toll gelöst, als Dublette, ein Tänzer-Paar, elfenhaft-anmutig, zeigt, wie die Ballerina einst stürzte und wie es zu ihrer Verletzung kam, während Le Prince Charmant und Aschenputtel „Lucette“ endlich ihr wohlverdientes Happy-End feiern können, nach zwei Stunden und neun Minuten Musik-Genuss, begleitet von den Chorsolisten der Komischen Oper und deren Orchester. Das Bühnenbild von Paolo Fantin ist zeitgemäß. Dazu passen die Kostüme von Klaus Bruns. Alles in allem eine rundum gelungene, kurzweilige Aufführung, die die Herzen in der kalten Winter- und Lock down-Zeit erwärmt, ohne Kitsch und zu viel Zuckerguss.

 

„Schlaft und träumt.“

Besprechung der Premiere, geschaut online am 20.12.2020, verfügbar als Stream-on-Demand bis zum 20. Januar 2021 und danach hoffentlich bald wieder in der Komischen Oper.

Daniela Debus

 

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Daniela Debus
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Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews opera premieres in Berlin and Munich.

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Willem
Willem
25 dagen geleden

Leuk om te lezen, en de trailer maakt het af.🎼🌷🌷🌷🌷🎼