Idomeneo in Genf

Idomeneo in Genf

Idomeneo, re di Creta

Dramma per musica von Wolfgang Amadeus Mozart. Libretto von Giambattista Varesco. Erstaufführung am 29. Januar 1781 in München.

 

Musikalische Leitung: Leonardo García Alarcón; Inszenierung: Sidi Larbi Cherkaoui; Idomeneo, König von Kreta: Bernard Richter; Idamante, sein Sohn: Lea Desandre; Elettra, Tochter des Agamemnon, König von Argos: Federica Lombardi; Ilia, Tochter des Priamos, König von Troia: Giulia Semenzato; Arbace, Vertrauter Idomeneos: Omar Mancini; Oberpriester des Neptun: Luca Bernard; Die Stimme des Orakels: William Meinert; Zwei Kreterinnen: Mayako Ito, Mi Young Kim; Zwei Trojaner: Rodrigo Garcia, David Webb; Chor des Grand Théâtre de Genève; Orchester zusammengestellt aus dem Ensemble «Cappella Mediterranea» und dem Orchestre de Chambre de Genève; Tänzerinnen und Tänzer des Balletts des Grand Théâtre de Genève und des Eastman Ballett

Besuchte Vorstellung: Premiere, 21. Februar 2024, Grand Théâtre de Genève

Musik: ****
Regie: *****

Idomeneo in Genf

Nicht häufig kann man Ballettdirektoren als Inszenierer von Opern erleben, wie in diesem Fall Sidi Larbi Cherkaoui, den ehemaligen Ballettdirektor der Ballett Vlaanderen Antwerpen und seit 2022 Designierter des Ballet du Grand Théâtre de Genève, welcher uns diese seltene Erfahrung zuteilwerden lässt. Seiner Biographie ist zu entnehmen, dass ihn die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit visuell gestaltenden Künstlern, Modeschöpfern, Designern mit Leidenschaft erfüllt, wie beispielsweise 2018 für seine Inszenierung von Debussys Pelléas et Melisande in Antwerpen, welche unter Mitwirkung von Marina Abramović erfolgte. Deren ehemalige Schülerin, die in Berlin lebende japanische Installations- und Performance-Künstlerin Chiharu Shiota, zeichnet nun beim Genfer Idomeneo für das Bühnenbild verantwortlich, wobei wir Kostüme des japanischen Modeschöpfers Yuima Nakazato bewundern dürfen. So darf man den Genfer Idomeneo, welcher eine Koproduktion der «Nationale Opera & Ballet Amsterdam» und der «Théâtres de la Ville de Luxembourg» ist, in der Tat als Gesamtkunstwerk bezeichnen, welches nicht nur Opernliebhaber zufriedenstellt, sondern auch Liebhaber des modernen Tanzes und der Haute Couture auf ihre Kosten kommen lässt.

Ein veritables Kunstwerk

Absolut sehenswert und allein schon den Besuch des Genfer Idomeneos lohnend war das von Chiharu Shiota gestaltete spektakuläre Bühnenbild, welches ihr Markenzeichen, den roten Faden, in Japan ein Symbol für die Verbundenheit zweier Menschen, in vielfältiger Weise das Werk und die Musik äusserst gut unterstützend in Szene setzte. Das Bühnenbild war ein veritables Kunstwerk, unterstützt durch die dramatische Beleuchtung (Lichtdesign: Michael Bauer), wobei die stete Veränderung der roten Fäden, sei dies in Form einer Wand, eines Vorhangs oder Sturms und in Wellenbewegung imitierender Form, die Handlung oder die Empfindung der Musik in bestechender Weise aufgriffen.

Idomeneo in Genf
Idomeneo in Genf. ©Filip Van Roe

Gekonnt komplementär zum Bühnenbild erwiesen sich die wunderschönen Kostüme von Yuima Nakazato, deren Stil und Einfluss nicht genau auszumachen war. So erinnerten die Kostüme teilweise an die Kleidung von buddhistischen Mönchen, von den Elfen aus «Lord of the Rings» oder von Massai-Kriegern, welche eine besonders ästhetische Einheit mit den mitreissenden Choreographien von Sidi Larbi Cherkaoui, vorgetragen durch die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts des Grand Théâtre de Genève und des Eastman Ballett, der Truppe von Sidi Larbi Cherkaoui, und Mozarts Musik bildeten, bei welchen tänzerisch Sturm, Drang, Wellen, Wind, Leiden und Hoffnung allegorisch dargestellt zu sein schienen.

Die Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui entfaltete sich im Fluss der Musik, wobei nicht immer die Ursprungshandlung der Oper, jedoch stets die Anlehnung seiner Inszenierung an die Musik Mozarts sowie an eine übergeordnete Idee und Symbolik erkennbar waren. Etwas ratlos blieb man im lieto fine zurück, wo Ilia und Idamante tot zu sein oder zumindest zu schlafen schienen, und Elettra an der Hand Idomeneos triumphierend herumgeführt wurde.

Äusserst zufriedenstellend und auch beeindruckend war die Leistung des Neuenburgers Bernard Richter in der Rolle des Idomeneo, welcher stilsicher und mit wohlklingender, strahlend kräftiger Stimme sang und im «Fuor del mar», trotz des gejagt wirkenden Tempos Leonardo García Alarcóns, die halsbrecherischen Koloraturen bravourös meisterte und dem Publikum keinen einzigen Ton schuldig blieb.

Idomeneo in Genf.
Idomeneo in Genf. ©Filip Van Roe

Lea Desandre, welche zwölf Jahre lang klassischen Tanz studiert hatte, begeisterte in der Rolle des Idamante in ihrer Auftrittsarie «non ho colpa» mit der phänomenalen Leistung während des Singens, mit ihrer hellen, reinen Stimme, eine komplexe, perfekt auf den Fluss der Musik abgestimmte Choreographie zu tanzen, welche an sich, ohne gleichzeitig zu singen, schon eine grosse Schwierigkeit darstellen würde. Absolut verblüffend.

Bei der samtig voluminösen Stimme Federica Lombardis, welche in ihrem Auftrittskostüm etwas an die Norma erinnerte, glaubte man einen Spintoanteil herauszuhören, welcher der Rolle der Elettra äusserst gut bekam. Sie meisterte die schwierige Rolle problemlos, sang die lyrischen Passagen wunderschön flutend, die Pianissimi in den hohen Lagen sicher und intonationsrein; die keifend, giftig klingenden Staccati gegen Schluss des «D’Oreste, d’Aiace» gelangen präzise und effektvoll.

Giulia Semenzato in der Rolle der Illia, überzeugte durch die Reinheit und das helle Timbre ihre Stimme; die Rollengestaltung liess jedoch etwas an Profil vermissen.

Omar Mancini, in der Rolle des Arbace, ist Mitglied des «Jeune Ensemble» des Grand Théâtre de Genève und konnte schon in der Produktion des Rosenkavalier in diesem Hause als «Italienischer Tenor» überzeugen. Die Koloraturen der grossen Arie des Arbace «Se colà ne‘ fati è scritto» sang er sauber und mit kontrolliert geführtem Atem, wobei er die Kadenz mit einem beeindruckenden C♯ abschloss, welches das Publikum zu einem der eher seltenen Szenenapplause des Abends animierte.

 

Idomeneo in Genf
Idomeneo in Genf. ©Filip Van Roe

Einen bleibenden Eindruck hinterliess der grossgewachsene Zürcher Luca Bernard, ebenfalls Mitglied des «Jeune Ensemble» des Grand Théâtre de Genève, mit seinem raumeinnehmenden Auftritt als Oberpriester des Neptun, als er einer scheinbar aus dem Nichts kommenden gigantischen Treppe, umgeben von mystischem, rot beleuchtetem Nebel, gekleidet in ein Kostüm, welches an einen Massai-Krieger erinnerte, herunterschritt, was in der Wirkung höchst dramatisch und effektvoll war. Trotz der kurzen Rolle, überzeugte Luca Bernard gesanglich mit seiner wohlklingenden, leicht melancholischen, lyrischen Stimme, welche vorzüglich zur Rolle eines Nemorino oder eines Ernesto passen würde. Wir sind auf die weitere Entwicklung dieses Sängers gespannt.

In der Rolle der Stimme des Orakels konnten wir William Meinert, auch er Mitglied des «Jeune Ensemble» des Grand Théâtre de Genève, erleben, dessen eindrucksvoll sonorer Bass sich vorzüglich für das russische Repertoire eignen würde.

Wunderschön gerieten die Solostellen der beiden Kreterinnen und der zwei Trojaner im Chor «Nettuno s’onori», gesungen von Mayako Ito, Mi Young Kim, Rodrigo Garcia und David Webb, dessen schönes, im Quartett durchscheinende Timbre aufhorchen liess.

Zusammenfassend eine äusserst sehenswerte, zufriedenstellende Produktion des Idomeneo, bei welcher man sich lediglich in der musikalischen Behandlung des vorzüglich spielenden Orchesters etwas mehr Spannung und Auslotung der dynamischen Grenzen gewünscht hätte. Unbedingt hingehen.

Christian Jaeger

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Christian Jaeger

REVIEWER

Christian Jaeger has a passion for the operas of 19th-century Italian composers, is always amazed at how innovative Gluck and Cherubini sound, and loves repertoire companies.

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