CavPag in Zürich. Die unwiderstehliche Garanča.

Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni. Melodramma in einem Akt. 1889. Libretto von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci, nach dem Stück und der Geschichte von Giovanni Verga.
Pagliacci von Ruggero Leoncavallo. Dramma in a prologue and two acts. 1892. Libretto by the composer. First performance at the Teatro Dal Verme, Milan, on 21st May 1892.

Opernhaus Zürich, 18. Januar 2022

CavPag

Cavalleria Rusticana
Musikalische Leitung: Paolo Carignani; Santuzza: Elīna Garanča; Lola : Svetlina Stoyanova; Turiddu: Marcelo Alvarez; Alfio: George Petean; Lucia: Irène Friedli; Philharmonia Zürich; Chor der Oper Zürich; Zusatzchor der Oper Zürich; Kinderchor der Oper Zürich; Statistenverein am Opernhaus Zürich; Inszenierung Grischa Asagaroff.

Pagliacci
Musikalische Leitung:  Paolo Carignani; Nedda: Ekaterina Bakanova; Canio: Marcelo Alvarez; Tonio: George Petean; Beppe: Andrew Owens; Silvio: Xiaomeng Zhang; Zwei Bauern: Utku Kuzuluk, Uwe Kosser; Philharmonia Zürich; Chor der Oper Zürich; Zusatzchor der Oper Zürich; Kinderchor der Oper Zürich; Statistenverein am Opernhaus Zürich; Inszenierung Grischa Asagaroff

Musik: 5*****
Inszenierung: 5*****

Pietro Mascagnis und Ruggiero Leoncavallos veristische Kurzopern Cavalleria Rusticana und Pagliacci werden seit ihren Uraufführungen 1890 in Rom bzw. 1892 in Milano einer alten Tradition folgend meist zusammen gespielt. Trotz vieler Versuche, diese beiden auch als «Siamesischen Zwillinge» oder im englischen Sprachraum als «Double Bill» bezeichneten Werke zu trennen oder sie gar mit anderen kürzeren Opern zusammen zu spielen, ist die Kombination beider Werke an einem Abend noch immer  beim Publikum beliebt. Gleichwohl sind die beiden Opern gerade im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen. Da war es umso erfreulicher, dass das Opernhaus Zürich Mitte Januar mit einer luxuriös besetzten Wiederaufnahme beider Werke lockte.

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cavalleria rusticana ©toni suter

Im Mittelpunkt des Interesses stand dabei vor allem der Auftritt von Elina Garanča , die in der Rolle der Santuzza nach vielen Jahren zurück ans Opernhaus Zürich kehrte und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Es war von ihrem ersten stummen Auftritt an, während des Orchestervorspiels schlichtweg atemberaubend, mit welcher Präsenz die aus Lettland stammende Mezzosopranistin ihren zutiefst gedemütigten, zerrissenen und verzweifelten Charakter verkörperte. Stimmlich ist die großartige Sängerin nun endgültig im dramatischen Fach angekommen und gestaltete mit ihrer in allen Lagen bestens ansprechenden Stimme ein ungemein intensives und ausdrucksvolles Rollenportrait. Bereits Santuzzas grosse Erzählung in der Szene mit Mamma Lucia «Voi lo sapete», sowie die folgende Auseinandersetzung mit Turiddu vor der Kirche, gerieten zu einer  unvergesslichen Sternstunde grosser Gesangskunst. Garanca zeigte während des Abends die beklemmende Entwicklung Santuzzas vom exkommunizierten Bauernmädchen zu einer Art Rachegöttin. Der junge untreue Bauer Turiddu war mit  Marcelo Alvarez ebenfalls exzellent besetzt worden. Mit seinem eher aus  dem  lyrischen Fach stammenden Tenor, sang sich Alvarez in der großen Auseinandersetzung mit Santuzza bei « Bada, Santuzza» fast die Seele aus dem Leibe.  Sein Trinklied «Viva il vino spumeggiante», sowie der bewegende Abschied von seiner Mutter in der Vorahnung des baldigen Todes, leiteten dabei das erschütternde Finale der Kurzoper ein. Ausgezeichnet hatte das Opernhaus Zürich auch den Fuhrmann Alfio mit dem rumänischen Bariton George Petean besetzt, dessen mit elegantem Timbre gesungenes Lied «Il cavallo scalpita» zum düster-glamourösen Auftritt  eines sizilianischen  Mafia-Bosses geriet. Svetlina Stoyanova liess als Lola mit ihrem sinnlichen Mezzosopran aufhorchen, während Irène Friedli als verhärmte Mamma Lucia, hilflos die sich anbahnende Tragödie beobachtete und am Ende vor Schmerz zusammenbrach.

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cavalleria rusticana ©toni suter

Auch im zweiten Teil des Abends, bei  Pagliacci, begeisterten die Sänger. Wie bereits in der Cavalleria Rusticana sang und spielte Marcelo Alvarez die Rolle des jähzornigen und eifersüchtigen Canio bis zum Exzess. Da erzeugte die expressiv vorgetragene berühmte Arie «Vesti la Giubba» mit dem verzweifelten Refrain «Ridi Pagliaccio» wahrlich Gänsehaut.

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pagliacci ©toni suter

Bewegend und mit vollendeter italienischer Gesangskunst verkörperte auch im zweiten Teil George Petean den missgestalteten Tonio, und rückte bereits im Prolog diese tragische Figur musikalisch in die Nähe des Gérard aus der Oper Andrea Chénier. Ekaterina Bakanova gab mit weich fließendem, sich jedoch in der Höhe leicht verengendem Sopran eine berührende Nedda, welche im tragisch endenden Spiel auf dem Spiel gemeinsam mit Marcelo Alvarez eine grosse Intensität erreichte. Ausgezeichnet sangen und spielten Andrew Owens den Beppe, sowie Xiaomeng Zhang den Silvio. Die grosse von Ernst Raffelsberger einstudierte Chorbesetzung – neben dem Chor des Opernhauses Zürich waren auch der Extrachor und Kinderchor involviert – zeigte eine grosse Spielfreude und begeisterte sowohl in den religiösen Chorälen der Cavalleria Rusticana , als auch im berühmten Glockenchor in Pagliacci.

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pagliacci ©toni suter

Bei der aktuellen Wideraufnahme hatte das Opernhaus Zürich auf eine ältere, jedoch zeitlose Inszenierung aus dem Jahr 2009 zurückgegriffen, welche seit ihrer Premiere immer wieder mit großem Erfolg gezeigt wurde. Sie bietet nicht nur einen optimalen Rahmen zur Entfaltung großartiger Sänger, sondern präsentiert  auch auf intelligente und detaillierte Weise zwei veristische Milieu-Studien. Einer alten Tradition folgend, verwenden der Regisseur  Grischa Asagaroff, ehemaliger Züricher Spielleiter und Assistent Jean-Pierre Ponnelles, und sein Ausstatter Luigi Perego für beide Werke im Wesentlichen dasselbe Bühnenbild. Gezeigt wird eine angedeutete Häuserfassade vor einem Marktplatz, wie man ihn bis heute in süditalienischen Dörfern findet, die jedoch gleichzeitig mit ihrer arena-artigen Anordnung Elemente der antiken griechischen Tragödie aufweist. Während Cavalleria Rusticana in der Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesiedelt ist, spielt Pagliacci in dieser Inszenierung in der Nachkriegszeit, also in den 1950er Jahren. Zeigt uns der Regisseur in der Cavalleria Rusticana in allen Details die archaisch-strenge  Struktur eines sizilianischen Dorfes, welches von Doppelmoral, Katholizismus und der Mafia geprägt ist, erhält das Publikum in Pagliacci Einblick in das selbe Dorf, wo sich ein halbes Jahrhundert später viel geändert hat. Wir sehen nun ein liebevoll und detailliert gezeichnetes ländliches Milieu, voller Farben und südländischer Lebensfreude, in das die Eifersuchtstragödie um den Pagliaccio Canio umso heftiger und grausamer einbricht.

Zusammengehalten wurden diese beiden Kurz-Opern durch das mitreißende und leidenschaftliche Dirigat Paolo Carignanis, der am Pult der Philharmonia Zürich stets die düsteren Farben der beiden Partituren Mascagnis und Leoncavallos, etwa bei den Streichern, herausarbeitete. So fand er für die beiden stilistisch doch so unterschiedlichen Werke eine musikalisch verbindende Klammer.

Trotz des auf der Bühne zweifach gezeigten Grauens, präsentierte sich das Publikum am Opernhaus Zürich bereits zur Pause in Bestlaune. Da wurde das gesamte Ensemble mit viel Applaus bedacht, der bei den zahlreichen Einzelvorhängen für Elina Garanca und Marcelo Alvarez in stehende Ovationen umschlug.

Marco Aranowicz

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Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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