ANNA BOLENA in Zürich

Anna Bolena von Gaetano Donizetti. Tragedia lirica in zwei Akten. 1830. Libretto von Felice Romani, nach Werken von Ippolito Pindemonte und von Alessandro Pepoli. Uraufführung im Teatro Carcano, Mailand, am 26. Dezember 1830.
Opernhaus Zürich, 9. Dezember 2021

Musikalische Leitung: Enrique Mazzola; Enrico VIII: Luca Pisaroni; Anna Bolena: Diana Damrau; Giovanna di Seymour: Karine Deshayes; Lord Rochefort: Stanislav Vorobyov; Lord Riccardo Percy: Alexey Neklyudov; Smeton: Nadezhda Karyazina; Sir Hervey: Nathan Haller; Philharmonia Zürich; Chor der Oper Zürich; Statistenverein am Opernhaus Zürich;  Inszenierung: David Alden

Musik: ****4****
Inszenierung: ***3***

Nach Genf hat nun auch das Opernhaus Zürich seine Neuinszenierung von Gaetano Donizettis Oper Anna Bolena herausgebracht. Dieses Werk 1830 in Milano uraufgeführte Werk besitzt mit über drei Stunden reiner Spieldauer und ihrem ikonischen Charakter, sowie den immensen vokalen Anforderungen an die Solisten eine Art Sonderstellung unter den Belcanto-Opern. Das liegt auch an der außergewöhnlich spannenden Opernhandlung, um den englischen Tudor-König Henry VIII. („Enrico“) und seiner zweiten Frau Anne Boleyn, die dieser 1536 auf Grund von Untreue hinrichten ließ. In der Oper jedoch wird die angebliche Affäre, welche letztlich zur Hinrichtung Annes führte, opernhaft und detailliert zu Gunsten der Königin dargestellt: Enrico hat sich in Annes Hofdame Giovanna Seymour verliebt. Diese drängt den König auf Hochzeit („Onore e Fama“), woraufhin Enrico eine Intrige plant, um Anna aus dem Weg zu räumen.

Tower of London

Er begnadigt Annas Jugendliebe Sir Riccardo Percy und forciert ein Aufeinandertreffen der Beiden auf der Jagd bei Schloss Windsor. Bei einer Unterredung von Anna und Riccardo in den Gemächern der Königin kommt es – unter Beteiligung des Pagen Smenton zu einer missverständlichen Situation, die der König nutzt, um Anna des Ehebruchs anzuklagen. Er lässt Anna im Tower of London unter Arrest stellen. Dort gesteht ihr Giovanna unter großen Gewissenbissen, ihre Rivalin zu sein, woraufhin Anna Bolena ihrer ehemaligen Vertrauten verzeiht. Als die Richter die Königin zum Tode verurteilen, setzt sich Giovanna vergeblich bei Henry für deren Begnadigung ein. Während die halb wahnsinnige Anna zur Hinrichtung geführt wird, läuten in London die Hochzeitsglocken für Giovanna und Enrico

ANNA BOLENA

Die Titelrolle der hingerichteten englischen Königin gilt seit der Uraufführung, bei der die legendäre Giuditta Pasta die Titelrolle sang, als Paraderolle für den dramatischen Koloratursopran. Seit einer legendären Premiere an der Mailänder Scala Mitte der 1950er Jahre mit Maria Callas in der Titelrolle, haben sich alle großen Diven des 20. Und 21. Jahrhundert an diese grosse Herausforderung gewagt. Am Opernhaus Zürich ist Anna Bolena aufs engste mit der Mitte Oktober 2021 verstorbenen Edita Gruberova verbunden, welche im Frühjahr 2000 hier die letzte Premiere dieser Oper mit großen Erfolg gesungen hatte.

Diana Damrau

Nun trat Diana Damrau in die Fußstapfen ihrer legendären Kollegin. Sie legt ihre Anna Bolena eher zurückhaltend an. Ihre Königin wirkt von Beginn an schüchtern und zerbrechlich. Das zeigte sich bereits in ihrer Austrittsarie „Come, innocente giovane“ und setzte sich in dem zentralen Duett “Sul suo capo aggravi un Dio” des zweiten Aktes fort, wenn Damrau ihrer Rivalin weniger energisch als sonst ihre Flüche entgegenschleudert, dafür gelang ihr die folgende Vergebung von umso bewegenderer Zartheit. Dieses wahrlich anrührende Rollenportrait einer zutiefst verstörten und gedemütigten Frau fand seinen Höhepunkt in der resigniert vorgetragenen Schlusscabaletta “Coppia iniqua”. Karine Deschayes stattete die Rivalin Giovanna Seymour mit einem satten vibrato-reichen Mezzosopran aus, der jedoch gelegentlich zur Schärfe neigt. Dies besserte sich jedoch im zweiten Teil des Abends, wenn die Sängerin ihre Stimme während des großen Duetts frei strömen lässt. Seit seinem letzten Auftritt als Enrico VIII. im Jahr 2015 am Opernhaus Zürich (damals an der Seite von Anna Netrebko) hat der Bassbariton von Luca Pisaroni deutlich an Schwärze und Volumen gewonnen, sodass er jederzeit einen gleichzeitig glanzvollen, wie bedrohlichen König verkörperte, der sich im Verlauf des Abends vom stattlichen Frauenhelden immer mehr zu einem verkommenen Mann entwickelte.

Anna Bolena
Anna Bolena

Mit seinem weichen, geschmeidigem Tenor begeisterte Alexey Neklyudov in der Rolle des unglücklichen Sir Riccardo Percy, welche für den berühmten Tenor Giovanni Battista Rubini komponiert wurde und mit der virtuosen Cabaletta „Ah così ne‘ dì ridenti“ und der anspruchsvollen Arie „Vivi tu“ zu begeistern vermochte. Nadezhda Karyazina sang mit warmem androgynen Mezzosopran den Hofsänger Smeton, Stanislav Vorobyov einen als Alkoholiker angelegten Lord Rocheford und Nathan Haller einen als Gruselfigur angelegten Sir Hervey.

Raum aus grauem Marmor

Regisseur David Alden und sein Ausstatter Gideon Davey verwenden für ihre Inszenierung teilweise dieselben Bühnenbilder, wie bereits in ihrer Neuinszenierung von Maria Stuarda vor drei Jahren. So spielen grosse Teile der Aufführung in einem grossen Raum aus grauem Marmor, welcher gelegentlich auch Projektionsfläche für gelungene Videoanimationen bietet. Ein Holzgetäfelter Raum im Stile der Tudor-Architektur und massive steinerne Zwischenwände schaffen dabei nicht zuletzt durch zahlreiche Gruselelemente viel Abwechslung und Atmosphäre. In diesem Ambiente wird im Wesentlichen die Handlung der Oper erzählt, wobei den Sängern viel Freiraum gelassen wird.

Collage verschiedener Epochen

Wie schon Gian-Carlo del Monacos Vorgängerinszenierung entscheidet sich der Regisseur jedoch bei den Kostümen für eine Collage verschiedener Epochen, wobei die Tudor-Zeit ebenso vertreten ist, wie das 19. Jahrhundert und Mode aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. „Die Dinge im britischen Königshaus ändern sich nicht wirklich, die Geschichte hätte auch in den 1940er¬/1950er Jahre passieren können,“ führt David Alden im Interview des Programmhefts aus. Dem möchte man jedoch entschieden widersprechen, denn trotz so mancher Eskapaden der Mitglieder des englischen Königshauses, bleibt doch die Episode von Henry VIII. mit seinen sechs Ehefrauen, von denen zwei wegen angeblicher Untreue hingerichtet wurden, in dieser Form einzigartig und fand insbesondere in der jüngeren Geschichte der britischen Monarchie keine Wiederholung, sodass eine klare historische Verortung auf der Bühne durchaus Sinn ergeben hätte. Durch die Vielzahl an stilistischen Sprüngen und Brechungen durch die Epochen, gelang es leider nicht, die Geschichte der Handlung der Oper durchgehend stringent zu erzählen, was einem z.B. bewusst wurde, wenn Enrico vor der vergleichsweise modern gekleideten Giovanna von seinem Begehren für diese sang. Gute Einfälle, wie das in fast jeder Anna Bolena-Inszenierung vorhandene Auftreten der kleinen Elisabeth (später Elisabeth I.), werden durch den Regisseur im Laufe des Abends zu wenig weiterentwickelt. Auch hätte man gerne eine etwas intensivere Beziehungsgestaltung zwischen Anna und Giovanna gesehen.

Anna Bolena

Dass der Funke am besuchten Abend nicht immer überspringen konnte, lag jedoch am Dirigat von Enrique Mazzola der zwar der Philharmonia Zürich eine sehr gefühlvolle Interpretation von Donizettis Musik entlockte, jedoch nicht durchgehend den Spannungsbogen halten konnte. Auf höchstem Niveau agierte dagegen der von Ernst Raffelsberger einstudierte Chor des Opernhauses.

Am Ende dieses dreieinhalbstündigen Abends spendete das Publikum allen beteiligten viel herzlichen Applaus.

Marco Ziegler

5 3 votes
Article Rating
Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
G. Müller
G. Müller
1 Monat zuvor

Hm, hatte gehofft, Zürich hätte nach Trovatore einen ähnlichen Coup gelandet. Aber so möchte ich diese schöne Oper fanz bestimmt NICHT sehen Danke für die Rezi.