TURANDOT in Zürich.

TURANDOT

Opernhaus Zürich

Giacomo Puccini (1858-1924). Lyrisches Drama in drei Akten und fünf Bildern. Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni nach Carlo Gozzi Fragment-Fassung.

Musikalische Leitung: Marc Albrecht; Inszenierung:  Sebastian Baumgarten; Choreinstudierung: Janko Kastelic; Choreografie Sebastian Zuber; Turandot: Sondra Radvanovsky; Altoum: Martin Zysset; Timur:  Nicola Ulivieri; Calaf: Piotr Beczała; Liù: Rosa Feola; Ping: Xiaomeng Zhang; Pang: Iain Milne; Pong: Nathan Haller; Ein Mandarin: Jungrae Noah Kim

Sebastian Baumgartens Neuinszenierung von Giacomo Puccinis unvollendet gebliebener letzter Oper Turandot rief zunächst etwas zwiespältige Gefühle hervor, die jedoch durch das berührende Ende der Aufführung weitgehend in den Hintergrund traten. Wie bereits in der Jahresvorschau angekündigt,  hatten der Regisseur und sein Ausstattungsteam, bestehend aus Thilo Rheuter (Bühne), sowie Christina Schmitt (Kostüme) und dem Video-Künstler Philipp Haupt, das Werk vollständig aus der Handlungszeit eines märchenhaft-imaginierten Chinas losgelöst. An die Stelle dieses Umfelds trat eine nicht näher definierte Science-Fiction Welt, in der vieles glitzerte, blinkte oder bizarr anmutete. Dabei wurden im Laufe des Abends Projektionen auf einem weißen Blatt Papier sichtbar, dass an ein Kalenderblatt erinnerte und seinerseits im ersten Teil ein Kampfbild aus der Zeit des ersten Weltkrieges bedeckte.  Im zweiten Akt öffnete sich diese Wand und gab den Blick auf zellenartige Wohneinheiten frei, in denen die Bevölkerung Pekings angehalten war, nicht zu schlafen.   Der außerordentlich textverständliche und farbenreich singende Chor (Einstudierung: Janko Kastellic) war vom Regisseur eher statisch geführt und erinnerte in seiner Kostümierung an Bilder des aufkommenden Faschismus der Entstehungszeit. Gleichzeitig wirkten die Solisten ein wenig so, als seien sie einem Manga-Film entsprungen, wobei neben den erwähnten faschistischen Uniformen, auch Anspielungen auf Bienenvölker und Comicfiguren sichtbar wurden.

Turandot

Obwohl die eigentliche Opernhandlung hinter dieser schillernden Fassade unangerührt blieb und der Regisseur die Handlung in diesem Setting geradlinig erzählte, wollten sich die zahlreichen überbordenden Einfälle nicht zu einem Ganzen zusammenfügen. Nicht alles erschloss sich interpretatorisch  – selbst nicht nach ausführlicher Lektüre des Programmheftes. Da waren beispielsweise Komparsen, die sich zum Teil auf Skiern über die Bühne bewegten. Auch eine grosse, über die Bühne laufende Gummihand gab Rätsel auf. Stimmungsvoll gerieten dagegen der Mondaufgang im ersten Akt oder die Szene mit den drei Ministern Ping, Pang und Pong. Die Einblendungen von Zitaten Puccinis über den Verlauf seiner Kehlkopfkrebs-Erkrankung nach den ersten beiden Akten, sowie dem berühmten Zitat, mit dem Arturo Toscanini die 1926 die Uraufführung der Oper nach Líus Tod beendet hatte, erwiesen sich auf berührende Weise als Klammer für das gespielte Fragment und rundeten so den Abend gelungen ab. Letztlich fragte man sich jedoch nach der Vorstellung, was viele der gezeigten Einfälle – so unterhaltsam sie auch waren – gegenüber dem märchenhaften China des Librettos für letztlich für einen Gewinn in Bezug auf das tiefere Verständnis des Werks erbrachten …Das Opernhaus Zürich bot für die aktuelle Premiere eine Besetzung an, die auf dem Papier nicht attraktiver hätte sein können.

Turandot
Turandot

In der kurzen – und in dieser Fassung noch kürzeren – aber ungemein anspruchsvollen Titelrolle, bewies Sondra Radvanovsky vom ersten Ton an ganz großes Format. So schleuderte sie mit ihrer riesigen Stimme und scheinbar grenzenlosem Tonumfang die gefürchtete Auftrittsarie „In questa reggia“ mit eisiger Kälte ins Auditorium. Im Verlauf des Abends bewies die weltweit gefragte Sopranistin trotz ihrem bekanntermaßen eher herben Timbre jedoch auch, dass sie zu warmen Farben („Chi pose tanta forza nel tuo cuore?“)  und wunderschön im Piano ausgesungenen Phrasen fähig ist. Aufgrund der gewählten Fragment-Fassung, in der die Titelheldin nur in zwei Szenen gesanglich in Erscheinung tritt, konnte sie jedoch die Wandlung, die diese Figur im Laufe der Oper durchmacht, jedoch nur andeuten. Mit dem polnischen Star-Tenor und Publikumsliebling Piotr Beczala als Calaf, der übrigens in dieser Aufführung sein Rollendebüt gab, hatte diese Turandot einen ausgezeichneten Partner. Während Beczala im ersten Akt noch nicht ganz frei klang, zeigte sich seine Stimme in der Rätselszene voller Stahlkraft, wobei er die hohen Anforderungen seiner schwierigen Rolle im weiteren Verlauf mühelos meisterte. Auch nutzte er seine Herkunft aus dem lyrischen Fach, um die leiseren, lyrischen Passagen seiner Rolle wie das „Non piangere Liu“ gefühlvoll und sensibel zu interpretieren, während er das berühmte „Nessun Dorma“ so strahlend sang, wie es bei diesem „Hit“ gewöhnlich erwartet wird. Weniger  zart als gewohnt, legte Rosa Feola die treue Sklavin Liu an, wobei auch sie im ersten Akt noch nicht ganz warm gesungen schien. Das betraf vor allem ihre flehende Bitte an Calaf „Signore, ascolta!“, sich nicht den Rätseln zu stellen. Ihre  Todesszene „Tu, che di gel sei cinta“ gelang ihr jedoch  wahrlich herzergreifend mit warmem lyrisch strömendem Sopran gesungen. Luxuriös besetzt war  Calafs Vater mit Nicola Uliveri, der von der Regie als gar nicht so gebrechlich gezeichnete Tataren-König Timur mit der mit balsamisch-warmem Bass auf bewegende Weise um Liu trauerte.

Turandot

Stimmlich ausgezeichnet und spielfreudig-komödiantisch präsentierte sich das Minister-Trio aus Ping, Pang und Pong  von Xiaomeng  Xang, Ian Milne  und Nathan Haller. In der kurzen Rolle als Mandarin waren Jungrae Noah Kim zwei spektakuläre Auftritte vergönnt. Als Imperatore Altoum, konnte Opernhaus-Urgestein Martin Zysset nachhaltig auf sich aufmerksam machen, wobei er humorvoll augenzwinkernd vor Calaf mit seinem Zepter auf seine Tochter deutete, nachdem ihm  die Antwort („Turandot“) auf die dritte Rätselfrage nicht gleich einfiel. Am Pult der Philharmonia Zürich dirigierte Marc Albrecht eher routiniert, und machte es insbesondere im zweiten Akt den Sängern nicht immer ganz einfach, die Orchesterwogen zu übertönen.

Am Ende dieses Premieren-Abend spendetet das Publikum den Sängern stehende Ovationen, während die Regie auf ein eher geteiltes Echo stieß. Es wird sicher interessant werden, wie sich die Star-Besetzung im Laufe der Premierenserie weiter aufeinander einspielt.

Marco Aranowicz

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Marco Aranowicz

EDITOR-IN-CHIEF

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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