Simon Boccanegra. Nachdem erneut eingestellten Spielbetrieb am Opernhaus Zürich im Rahmen des coronabedingten Versammlungsverbots seit Ende Oktober, bot die Ankündigung einer Fernseh-übertragung auf ARTE der lange antizipierten Premiere von Giuseppe Verdis Simon Boccanegra immerhin einen kleinen Lichtblick. Umso glücklicher war für unseren Rezensenten die Nachricht, live der Premiere im Opernhaus beiwohnen zu können, welches für einige wenige Abonnenten und Rezensenten, ausnahmsweise seine Türen geöffnet hatte. Das Opernhaus verließ sich auch bei dieser Premiere wieder auf sein eigens entwickeltes Spielmodell, bei dem Chor und Orchester aus dem einen Kilometer entfernten Probenhaus per Glasfaser eingespielten.

 

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Simon Boccanegra. Melodramma in einem Prolog und drei Akten von Giuseppe Verdi (1813-1901). Libretto von Francesco Maria Piave, mit Ergänzungen von Giuseppe Montanelli, nach dem Drama «Simón Bocanegra» von Antonio García Gutiérrez. Neufassung von Arrigo Boito. Besuchte Vorstellung: Opernhaus Zürich, 6. Dezember 2020. (Chor und Orchester live aus einem externen Probenraum ins Opernhaus gestreamt.)

Simon Boccanegra: Christian Gerhaher
Maria Boccanegra, seine Tochter, unter dem Namen Amelia Grimaldi: Jennifer Rowley
Jacopo Fiesco: Christof Fischesser
Gabriele Adorno: Otar Jorjikia
Paolo Albiani: Nicholas Brownlee
Pietro: Brent Michael Smith
Magd Amelias: Siena Licht Miller
Hauptmann der Armbrustschützen: Savelii Andreev

Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Chorzuzüger: Statistenverein am Opernhaus Zürich

Musikalische Leitung: Fabio Luisi
Inszenierung: Andreas Homoki

 

Muziek: *4*
Regie:  *4*

Der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieser insgesamt attraktiv besetzten Premiere lah zweifellos bei dem Rollendebüt von Christian Gerhaher in der Rolle des unglücklichen Dogen von Genua, der nach dem Marchese di Posa erst seine zweite Verdi Partie sang. Dieser hatte im Vorfeld der Premiere (vgl. unser Interview) auch ein Gewisses Unbehagen beim Singen von Verdi-Partien geäußert, wobei er die Rolle des Simons mit grosser Würde und schauspielerischer Intensität angeht und so einen zerrissenen, zutiefst verzweifelten und einsamen Charakter verkörpert.

Simon Boccanegra
©Monika Rittershaus

Stimmlich allerdings hätte ich mir an manchen Stellen ein etwas ausgeprägteres Legato und mehr Italianità gewünscht, wobei Gerhaher versucht dies über ein Maximum an Ausdruck und eine äußerst intelligente musikalische Gestaltung auszugleichen. So geriet die zentrale Ansprache des Dogen im Finale des ersten Aktes “Plebe! Patrizi!” zu einem wahren Gänsehautmoment. In einer grandios gestalteten Sterbens Szene, in der der Ausnahmesänger seinen Bariton ungehindert strömen ließ, vermochte er zudem erneut zutiefst zu berühren.

In diesem Moment begeisterte auch das Zusammenspiel mit Christoph Fischesser, der als Boccanegras Gegenspieler  Jacopo Fiesco mit balsamisch fließendem Bass erfreute, jedoch im Prolog etwas mehr Dramatik hätte zeigen können.

Für Simones Tochter Maria/Amelia ließ Jennifer Rowley für ihre Rolle einen schönen, gut ausgebildeten Verdi Sopran hören, wobei leichte Schärfen in der Höhe den positiven Gesamteindruck nur unwesentlich störten. Als Gabriele Adorno ließ Otar Jorjikia einen interessant timbrierten Tenor hören, wobei ich mir bei diesem jugendlichen, heißblütigen Charakter etwas mehr Feuer gewünscht hätte. Durchweg Exzellent sang und spielte Nicholas Brownlee den intriganten Günstling Paolo Albiani.

Die Inszenierung von Andreas Homoki gab sich erstaunlich unaufgeregt und ruhig – und bewies gerade dadurch ihre Stärke. Homoki verlegte den Prolog in die Zeit des noch von der Aristokratie geprägten späten 19- Jahrhundert, während der Rest der Oper, im Italien des aufkommenden Faschismus spielt. Die Kostüme zitieren diesen Zeitsprung von 25 Jahren zwar genau, rufen aber gleichzeitig so etwas wie Zeitlosigkeit hervor.  Sehr genau ist das sich drehende und raffinierte Bühnenbild von Christian Schmid angelegt, dass Häuserfassaden, Straßen und Innenräume auf immer wieder interessante Weise auftauchen und wieder verschwinden ließ. Die Personenregie Homokis unter Einbezug der Statisterie – welche teilweise den Auf der Bühne fehlenden Chor ersetzte – war dabei sehr anrührend und gelungen, wobei vor allem die Schlussszene, wenn Amelia Blumen auf das Boot legt, das an Boccanegras Leben als Korsar erinnert, äußerst bewegend gelang. Gleichwohl hätte Amelia ihren Vater, wie im Libretto gefordert ruhig umarmen dürfen…

Simon Boccanegra
©Monika Rittershaus

Wirklich geglückte Ideen waren dagegen der Moment als Simon das Zimmer seiner geliebten Maria betritt und diese tot aufgebahrt vorfindet, so wie die bedrückende Mönchsprozession zu Fiescos Arie. Auch die Rückblenden, die Szenen erzählen, die sich in der Vorgeschichte der Oper ereigneten hatten, wirkten anders als in anderen Aufführungen, die von diesem Stilmittel gebrauch machen, durchaus gelungen.

Generalmusikdirektor Fabio Luisi dirigiert Simon Boccanegra seit 25 Jahren. In dieser langen Zeit ist seine Interpretation dieses außergewöhnlichen Werks deutlich gereift. Leider verzerrte die Abmischung der Übertragung aus dem Probensaal am Premierenabend nicht ausreichend Gelegenheit, die Leistung der Philharmonia Zürich in allen Details zu beurteilen, insgesamt dirigierte er spannungsreich und stimmungsvoll. Das galt auch für den von Janko Kastelic einstudierten Chor.

Am Ende dieses Opernabends mischte sich Dankbarkeit mit lautem Applaus. Es wird spannend sein, diese Aufführung nach Corona in dieser Besetzung erleben zu dürfen.

 

Marco Ziegler

 

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Artikelbeoordeling
Marco Ziegler
Marco Ziegler

REVIEWER

Marco Ziegler, based in Zürich, went to the opera from the age of 10 and has a keen eye and ear for the developments of the last few decades. Favourite genre: Italian Opera. Favourite operas: Aida, Don Carlo and La Forza del destino.

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Willem
Willem
1 maand geleden

Elke keer een feest om de recensie te lezen. Tip bundel 2020 in boekvorm, mooi om dit te hebben. Voor elke opera liefhebber een aanwinst. 🎼🌷🌷🌷🌷🎼Ps mede om meer te leren, over de opera.