I Capuleti e i Montecchi

I Capuleti e i Montecchi von Vincenzo Bellini. Tragedia lirica in zwei Akten. 1830. Libretto von Felice Romani. Uraufführung im Teatro La Fenice, Venedig, am 11. März 1830. Besuchte Vorstellung: 23. Januar 2022. Rezensent: Marco Aranowicz.

I Capuleti e i Montecchi

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci; Romeo: Marianne Crebassa; Giulietta: Lisette Oropesa; Tebaldo: Jinxu Xiahou; Lorenzo: Michele Pertusi; Capellio: Jongmin Park; Teatro alla Scala Orchestra und Chorus; Regie: Adrian Noble

Musik: 5*
Inszenierung: 3*

Vincenzo Bellinis 1830 am Teatro la Fenice uraufgeführte Oper I Capuleti e i Montecchi mit dem Libretto von Felice Romani gehört zu den ungewöhnlichsten Opern des Komponisten. Obwohl sich hinter dem sperrigen Titel nichts anderes als eine Romeo und Julia-Adaptation verbirgt, gilt das Werk mit seinen nur fünf Personen als handlungsarm und ganz auf die Seelenzustände des berühmtesten Liebespaars der Welt ausgerichtet. Zu diesem Zweck verwendete Bellini als Vorlage Matteo Bandellos Novelle La sfortunata morte di due infelicissimi amanti und führte dabei seine schier nie enden wollenden «melodie lunghe lunghe lunghe» bei diesem Werk zu ihrer Vollendung.  So wurde eine musikalische Traumwelt erschaffen, welche ganz auf die Belcanto-Kunst der Sänger ausgerichtet ist.  Glücklicherweise gelang es denn auch, bei der aktuellen Neuinszenierung des Teatro alla Scala in Milano die hohen musikalischen Erwartungen voll einzulösen.

In der Hosenrolle des Romeo war Marianne Crebassa in jeder Hinsicht eine Idealbesetzung. Ihr geschmeidiger Mezzosopran klang warm, weich, jedoch gleichzeitig auch androgyn. Mit ungeheurer Bühnenpräsenz sang Crebassa einen berührenden Romeo, dessen Cavatine «Se Romeo t`uccise un figlio» im ersten Bild, bereits gespannt auf den Rest des Abends machte. Dabei konnte die sympathische Sängerin einen äusserst gelungenen Spannungsbogen bis hin zu der erschütternden Schlussszene mit ihrer todtraurigen Arie «Deh! Tu bell`anima» anwenden.

I Capuleti e i Montecchi
Crebassa (Xiahou Park) Photo: Brescia e Amisano ©Teatro alla Scala

In der mit der grossartigen Lisette Oropesa besetzten Giulietta, fand Crebassa dabei eine Sopran-Partnerin, die mit diesem Romeo jederzeit auf Augenhöhe sang. Da klang es nach vollendeter Schönheit, wenn in dem zentralen Duett «Si fuggire», die warme dunkle Stimme der Crebassa mit der silbrig glänzenden der Oropesa in gemeinsamen Koloraturen und Verzierungen verschmolz und damit das Publikum zu lange anhaltendem Szenenapplaus animierte. Oropesa konnte sich zudem bereits nach der meisterhaft interpretierten Arie «Oh, quante volte» über den uneingeschränkten Zuspruch des Publikums freuen und interpretierte die Giulietta als gleichzeitig selbstbewusste, aber doch gleichzeitig sehr verletzliche junge Frau. Es war eine Freude zu erleben, wie mühelos Lisette Oropesa bei den schwierigen Spitzentönen des ersten Finales oder ihrer Arie «Morte io non temo» im zweiten Akt, bis hin zum tragischen Ende brillierte. Ausgezeichnet hatte die Scala die etwas undankbare Tenor-Partie des Tebaldo mit Jinxu Xiahou besetzt, der mit edlem Vibrato die Cavatine «E serbato a questo acciaro» zum Besten gab und in der Duell-Szene des zweiten Aktes glaubhaft einen gebrochenen Mann verkörperte. Rundum ausgezeichnet präsentierte sich auch Publikums-Liebling Michele Pertusi mit warmem Bass als würdevoller Pater Lorenzo, während Jongmin Park mit wesentlich härter geführter Stimme einen adäquaten Vater Capellio verkörperte.

I Capuleti e i Montecchi
Pertusi. Photo Brescia e Amisano. ©Teatro alla Scala.

Der von Alberto Malazzi exzellent einstudierte Herrenchor trumpfte bei der musikalischen Darstellung der kämpferischen Capuleti- und Montecchi-Clans trotz dem Tragen von FFP2 Masken mächtig und glaubwürdig auf. In der Beerdigungsszene, wenn in dieser Oper zum einzigen Male auch der Damenchor aus dem Off erklingt, kam hingegen die erforderliche Betroffenheit auf.

I Capuleti e i Montecchi
Oropesa. Photo Brescia e Amisano. ©Teatro alla Scala.

Erst wenige Wochen vor der Premiere hatte die italienische Dirigentin Speranza Scappucci als Einspringerin diese Produktion übernommen. Mit ihrem temperamentvollen, aber auch gleichzeitig äusserst gefühlvollen Dirigat, gelang es der sympathischen Künstlerin rundum zu begeistern und aus dieser ungewöhnlich angelegten Partitur Bellinis ein wahres musikalisches Erlebnis zu machen. Bereits der meisterhafte Einsatz der Piccolo-Flöte zwischen den Tutti-Akkorden des Orchesters während der Ouverture zeugten hiervon.

Wäre die Aufführung konzertant gewesen, wäre es wahrlich ein grosser Abend gewesen. Leider musste man jedoch in Bezug auf die Inszenierung von Adrian Noble, dem ehemaligen Leiter der Royal Shakespeare Company, gewisse, heute schon fast «dazugehörende» Abstriche machen. Anstelle einfach auf die Musik zu vertrauen, versetzte Nobel die Oper nämlich aus dem Verona des 13. Jahrhunderts in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, also in die Jahre des in Italien aufkommenden Faschismus. Warum? Vermutlich lediglich darum, um nicht (nur) genau das zu zeigen, was im Libretto steht. Das hatte vor allem zur Folge, dass die von Petra Reinhard entworfenen Kostüme – bis auf Giuliettas Brautkleid – besonders trist und einfallslos waren und die Sänger während der Aufführung mit allerlei Pistolen herumfuchteln durften. Mit anderen Worten gesagt, ging der Mehrwert dieser Aktualisierung jedenfalls gegen Null.

I Capuleti e i Montecchi
Oropesa, Crebassa, Pertusi. Photo: Brescia e Amisano. ©Teatro alla Scala.

Unfreiwillig komisch war die Hochzeitsszene im Finale des ersten Aktes inszeniert, wenn plötzlich Köche kunstvolle Torten auf die Bühne brachten und man für einen Moment glaubte, man sitze in einer spritzigen Aufführung von Rossinis Cenerentola. Irritierend und unnötig auch die Szene, wenn vor der Duellszene des zweiten Aktes armes Volk, während eines sensiblen Klarinetten-Solos und ohne jeglichen Bezug zu Musik oder Handlung, von faschistischen Milizen in Angst und Schrecken versetzt wird.  Trotzdem soll nicht verschwiegen werden, dass es in dieser Inszenierung, nicht zuletzt dank der gelungenen Bühnenbilder von Tobias Hoheisel durchaus atmosphärisch gelungene Momente gab. Hoheisel hatte dafür zunächst den monumental anmutenden Innenhof eines Palastes entworfen, der sich lautlos und schnell in Giuliettas elegantes Gemach wandeln konnte und im zweiten Teil des Abends der Natur immer mehr Raum gab.  In diesem Zusammenhang geriet die Schlussszene äusserst gelungen, wenn die scheintote Giulietta in einem wunderschönen Zypressenwald aufgebahrt wird und hier das Drama seinen Lauf nimmt. Das war eine Szene, die für viele Mätzchen der Regie entschädigen konnte.

Am Ende dieser knapp dreistündigen Nachmittags-Aufführung feierte das Publikum Sänger, Chor, Orchester und die Dirigentin mit Ovationen für das gebotene musikalische Fest, während man am Ende eine Inszenierung erlebt hatte, die zumindest den musikalischen Genuss nicht gestört hatte.

Das ist für heutige Verhältnisse durchaus schon recht viel.

Marco Aranowicz

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Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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Josef
Josef
3 Monate zuvor

Ich bin diese Zeitverlegungen auch so satt. Es funktioniert in den seltensten Fällen und ich sehe einfach auch keinen Mehrwert darin. Danke für die Rezension. Sehr angenehm, dass Sie zuerst den musikalischen Teil bewerten und dann erst auf die Inszenierung eingehen.

Willem
Willem
3 Monate zuvor

Elke keer kijk er naar uit, heerlijk om te lezen.🎼🌷🌷🌷🌷🎼