CARMEN IN VERONA

CARMEN IN VERONA

Direttore: Marco Armiliato; Regia e Scene: Franco Zeffirelli; Costumi: Anna Anni; Luci: Paolo Mazzon; Coreografia: El Camborio ripresa da Lucia Real

Carmen: Elina Garanca; Micaëla: Maria Teresa Leva; Frasquita: Daniela Cappiello; Mercédès: Sofia Koberidze; Don José: Brian Jagde; Escamillo: Claudio Sgura; Dancairo: Nicolò Ceriani; Remendado: Carlo Bosi; Zuniga: Gabriele Sagona; Morales: Biagio PizzutiOrchestra, Coro, Ballo e Tecnici della Fondazione Arena di Verona; Maestro del Coro: Ulisse Trabacchin

Besuchte Vorstellung: 11. August 2022, Verona

Musik: 3,5*
Inszenierung: 5*

CARMEN

Als zweithäufigste Oper nach Aida, wird während der Festspiele in der Arena di Verona, bereits seit vielen Jahren Georges Bizets beliebte Oper Carmen aufgeführt. Dieses Jahr lockte dabei die Arena di Verona zum einen mit hochambinierten Besetzungen dieses musikalisch doch sehr anspruchsvollen Werks, zum anderen freute man sich auf die Wiederaufnahme der klassischen Inszenierung von Franco Zeffirelli.

Zeffirelli, der die Carmen u.a. auch an der Wiener Staatsoper und der Metropolitan Opera inszeniert hatte, hatte mit diesem Werk 1995 sein vergleichsweise spätes Debut an der Arena di Verona gegeben, wobei sich die prachtvoll ausgestattete Produktion schnell beim Publikum größter Beliebtheit erfreute. Zeffirelli selbst schien jedoch mit seiner Inszenierung nicht völlig zufrieden. So überarbeitete er im Jahre 2009 das Bühnenbild selbst, wobei er, obwohl seinem unverkennbaren Stil treu bleibend, zunehmend auf szenische Reduktion und den Einbezug von Projektionen setzte. Nachdem eine modernere Neu-Inszenierung vor einigen Jahren nur wenig erfolgreich war, entschloss sich die Intendantin der Arena di Verona, erneut Zeffirellis Carmen wieder aufzunehmen. Dabei wurde jedoch beschlossen wieder auf das ursprüngliche Bühnenbild von 1995 zurückzugreifen, jedoch auch einige Elemente aus der Überarbeitung weiterhin zu verwenden. Das Ergebnis ist atemberaubend: Anders als bei vielen seiner späteren, symmetrisch ausgerichteten Inszenierungen Zeffirellis, arbeitet der 2019 verstorbene Regisseur ganz mit traditionellem Kulissenzauber, wie er im späten 19. Jahrhundert insbesondere in Frankreich beliebt war.

Carmen in Verona
Carmen in Verona 11.08.22 Foto Ennevi

Auf den Steinstufen der Arena di Verona sind so liebevoll realistische Häuserfassaden angeordnet, die sowohl aus gebauten als auch bemalten Elementen bestehen und so den Zuschauer in ein perfekt imaginiertes Sevilla Mitte des 19. Jahrhunderts entführen.  Für die Schenke des Lillas Pastia sorgten grosse altmodisch gemalte Plakate für szenische Abwechslung, während für die Gebirgslandschaft des dritten Aktes aufwändig, als Stein bemalte Stoffbahnen vor den Häuserfassaden aufgehängt wurden. Dies ergab eine perfekte Bühnenbild-Illusion dieser schwierig darzustellenden Szene. Anna Annis aufwändige Kostüme waren ein Fest für die Augen und zeigten bis ins kleinste Detail ein großes gesellschaftliches Portrait der vom Komponisten und Librettisten geforderten Epoche dieser Oper. In diesem Rahmen erzählt der Regisseur viele kleine Alltagsgeschichten aus dem Leben der damaligen Menschen. Da wurden Menschenmassen und Tänzer mit Bravour und größter Sorgfalt über die Bühne bewegt, außerdem von Eseln und Pferden gezogene Kutschen und andere Fuhrwerke mit einer Perfektion über die Bühne gezogenen, dass man als Zuschauer nur noch Staunen konnte. Und doch – bei allem Gigantismus, den diese Produktion verkörperte, gelang es dem Regisseur auf berührende und nachvollziehbare Weise die Geschichte von Georges Bizets Oper zu erzählen….

Carmen in Verona
Carmen in Verona 11.08.22 Foto Ennevi
Carmen in Verona
Carmen in Verona 11.08.22 Foto Ennevi

Elina Garanca ist derzeit wohl zurecht eine der größten und gefeiertsten Sängerinnen der Carmen. Mit ihrem warmen, eher hell timbrierten Mezzosopran, der bestens in allen Lagen anspringt, begeisterte sie mit der berühmten Habanera und brillierte mit einer leidenschaftlich vorgetragenen Seguidilla. Den berühmten Chanson zu Beginn des zweiten Aktes stattete sie mit klug eingesetzter Bühnen-Erotik aus und konnte so in der großen Szene mit Don José und der Kartenarie des dritten Aktes ganz für sich einnehmen. Brian Jadge begann seine Darstellung des  Don José noch etwas zurückhaltend, fiel jedoch schnell mit kultiviertem, höhensicheren Tenor auf und steigerte sich auch darstellerisch zu der berühmten Arie “La fleur que tu m’avais jetée” zu berührender Größe. Mit markantem jedoch trocken und teilweise brüchig geführten Bass-Bariton schmetterte Claudio Sgura als Escamillo zur Freude des Publikums  sein berühmtes Torero-Lied ins Auditorium, während Maria Teresa Leva als Bauernmädchen Micaëla mit ihrem leuchtenden Sopran berührende Töne für diese undankbare Partie fand. Spielfreudig und voller vokaler Erotik sangen  Daniela Cappiello und Sofia Koberidze Camens  Freundinnen Frasquita und Mercédès. Rundum ausgezeichnet waren auch die Schmuggler Dancairo und Remendado mit Nicolò Ceriani und Arena-Urgestein Carlo Bosi besetzt, während Gabriele Sagona als Zuniga und Biagio Pizzuti als Morales in ihren kleinen Rollen stimmlich markante Akzente setzen. Abermals begeisterten die von  Ulisse Trabacchin prachtvoll und text-verständlich einstudierten Chöre, wobei auch der Kinderchor des ersten Aktes besonderes Lob verdient. Am Pult des Arena Orchesters sorgte Marco Armiliato erneut für eine im besten Sinne routinierte Interpretation, wobei ich mir insgesamt bereits während der berühmten Ouvertüre mehr Gespür für Bizets raffinierte und mitreißende Rhythmen gewünscht hätte und auch das die ganze Partitur durchziehende Todesmotiv besser herausgearbeitet hätte sein können.

Carmen in Verona
Carmen in Verona 11.08.22 Foto Ennevi

Kein Glück hatte man in der besuchten Aufführung erneut mit dem Wetter. Entgegen allen Wettervorhersagen kündigte sich bereits in der zweiten, endlos in die Länge gezogenen Pause nach dem zweiten Akt ein Unwetter an, wobei der Sturm im dritten Akt die gemalten Staffeleien des Bühnenbilds gehörig wackeln ließ und man zeitweise befürchten musste, diese könnten davon geblasen werden. Nach dem  Ensemble “Quant au douanier, c’est notre affaire” setzte dann Starkregen ein, sodass auch diese Vorstellung abgebrochen wurde. Das Publikum, das noch kurz zuvor, wie beim Sonntags-Wunschkonzert  den Refrain von „Votre toast, je peux vous le rendre“ mit gesummt (!) und teilweise auch rhythmisch dazu mitgeklatscht hatte, versuchte in den engen Eingangsbereich der Arena ins Trockene zu strömen, was wegen des Platzmangels dort zu teilweise unschönen Szenen führte. Erneut ein irritierendes Ende eines interessant begonnenen Opernabends.

Marco Aranowicz

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Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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Chris
Chris
1 Monat zuvor

So möchte ich Carmen auch sehen und hören. Wieso gibt es in Deutschland kein einziges Opernhaus mehr, dass dieses Meisterwerk von Bizet, so erzählt, wie er es sich gedacht hat?

Teddy
Teddy
1 Monat zuvor

Wer braucht diese veraltetet, altmodische „Carmen“, wenn wir so geile Inszinierungen von Bieto, Gurbaca, Homoki, Kosky und und und haben? Wie ist es überhaupt möglich, dass Carmen auf der Bühne nicht komplett nackt ist?