DON CARLO in Dresden

Don Carlo

Don Carlo, von Giuseppe Verdi. Opera in vier Akten Mit einem Prolog für Orchester (Uraufführung) und einem Zwischenspiel für Violoncello solo von Manfred Trojahn. Libretto von Joseph Mery und Camille du Locle in der italienischen Übersetzung von Achille de Lauzieres-Themines und Angelo Zanardini.

Filippo II:  Vitalij Kowaljow, Elisabetta di Valois:  Dinara Alieva, Don Carlo:  Riccardo Massi, La principessa Eboli:  Anna Smirnova, Rodrigo, Marchese di Posa:  Andrei Bondarenko, Graf von Lerma:  Joseph Dennis, Gräfin d’Aremberg:  Hyunduk Na, Tebaldo:  Mariya Taniguchi, Herold:  Simeon Esper, Der Großinquisitor:  Alexandros Stavrakakis, Ein Mönch:  Tilmann Rönnebeck, Stimme von oben:  Ofeliya Pogosyan, Erster flandrischer Deputierter:  Sebastian Wartig, Zweiter flandrischer Deputierter:  Padraic Rowan, Dritter flandrischer Deputierter:  Mateusz Hoedt, Vierter flandrischer Deputierter:  Lawson Anderson, Fünfter flandrischer Deputierter:  Rupert Grössinger, Sechster flandrischer Deputierter:  Martin-Jan Nijhof, Die junge Elisabetta:  Malwina Stepien, Der junge Carlo:  Brian, Violoncello solo:  Norbert Anger, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden, Musikalische Leitung:  Ivan Repušić, Inszenierung:  Vera Nemirova.

Besuchte Aufführung: Premiere, 22. Oktober

Musik: 4,5*
Inszenierung: 4,5*

Don Carlo – Die Ausweglosigkeit der Liebe

Don Carlo gehört mit ihren fünf Akten zum Genre der „Grand Opera“, das bedeutet einen großen Mönchschor zu Beginn und am Schluss, beeindruckende Chorszenen, um das historische Flair erfahrbar zu machen und das Zeitkolorit darzustellen.

Don Carlo
Foto Thomas Ruff ©VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Prolog – eine kurze Utopie des Glücks

Die Oper basiert auf Friedrich Schillers dramatischem Gedicht Don Karlos, Enfant von Spanien. Vom Komponisten selbst gibt es drei Fassungen, eine fünfaktige französische von 1867, eine vieraktige italienische siebzehn Jahre später und eine fünfaktige italienische 1887.

Mit fünf Stunden viel zu lang, musste die Oper bereits vor ihrer Uraufführung um 20 Minuten gekürzt werden, damit die Besucher ihre letzte Vorstadtbahn in Mailand noch erreichen konnten.

Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg

Die Premiere sollte 2020 in Salzburg bei den Osterfestspielen gefeiert werden, deren Orchester seit 2013 die Sächsische Staatskapelle Dresden ist, doch kurz zuvor kam Corona. Jetzt also nach erneut sechs Wochen Proben die verzögerte (Ur-)Aufführung in der Semperoper, nur knapp zur Hälfte gefüllt, aber ausverkauft, den Corona-Bestimmungen folgend. Uraufführung, weil ein Kompositionsauftrag für den Prolog an den Komponisten Manfred Trohjan vergeben wurde. Sein Orchesterprolog schafft den musikalischen Raum für die Vorgeschichte der Oper. Das Zwischenspiel für Violoncello solo, „Mendelssohns Möven“ von 2012 knüpft zu Beginn des dritten Aktes daran an. Ein überraschender und gelungener Bruch, nur im ersten Moment für Kenner der Oper ein klein wenig befremdlich.

Don Carlo – Die Handlung

Es ist ein Stück über Eifersucht, Diebstahl, Verrat, eine unglücklich ausgelöste Kettenreaktion, die nur Verlierer und Tote hinterläßt, unmenschliche Zustände bei der einfachen Bevölkerung, Hunger, Not, Inquisition, der Kampf um mehr Freiheit für Flandern, gesellschaftliche Zwänge und die Unmöglichkeit, ihnen zu entrinnen. Der mächtigste Mann seiner Zeit, Kaiser Karl V., hat erkannt, dass Macht nicht auch persönliches Glück bedeutet. An seinem Grab beginnt die Oper. Filippo II., sein Sohn, ist ein König, der an seiner Einsamkeit zerbricht. Vater, Sohn und die eigene Frau lieben ihn nicht. Dafür liebt seine Frau seinen Sohn, der ihr zuerst versprochen wurde, bevor sie dann dessen Vater aus politischen Gründen heiraten musste. Sie fühlt sich getäuscht. Die Liebe zwischen Sohn und Stiefmutter wird von der intriganten Prinzessin Eboli verraten. Der Freund wird aus dem Hinterhalt erschossen.

Zur Zeit von Don Carlo war der Buchdruck gerade erfunden. Bücher wurden nicht mehr nur in Klöstern abgeschrieben, sondern gedruckt. Das Wissen und damit die Macht einiger weniger, beginnt zu schwinden. Flugblätter verbreiteten gegen die Kirche gerichtetes Gedankengut. Der erste „Index librorum prohibitorum“ erschien. Bühnenbildnerin Heike Scheele hat dazu eine beeindruckende Bibliothek gebaut. Denn in der Oper Verdis geht es um verbotene Schriften. Einer der Höhepunkte: die Autodafé-Bücherverbrennungs-Szene.

Don Carlo
(vorn) Andrei Bondarenko (Rodrigo, Marchese di Posa), Anna Smirnova (La principessa Eboli), Vitalij Kowaljow (Filippo II ), hinten Alexandros Stavrakakis (Der Grossinquisitor) - Ludwig Olah
Don Carlo
Andrei Bondarenko (Rodrigo, Marchese di Posa), Dinara Alieva (Elisabetta di Valois), Anna Smirnova (La principessa Eboli) ©Semperoper Dresden - Ludwig Olah

Von Heinrich Heine stammt schon 1823 der berühmte Satz: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt am Ende man auch Menschen“.

Im blutigen Autodafé von Valladolid wurden am 21. Mai 1559 mehrere hundert Protestanten lebendig öffentlich verbrannt. Beim Autodafé kommen sie alle zusammen. In der Pariser Bibliothèque Nationale gibt es dazu einen Kupferstich über die „Hispanische Inquisition“, auf dem die wichtigen Figuren des Stücks sich treffen und abgebildet sind. Geschaffen hat ihn im Jahr 1559 der niederländische Künstler Franz Hogenberg. Diese dramatischen Momentaufnahmen eines Strafspektakels (Autodafé) inspirierten 300 Jahre später den Komponisten Giuseppe Verdi zur zentralen Szene seiner Don Carlo Oper. Dass sich Ähnliches in Berlin 1933 wiederholte und auch heute noch in anderen Ländern, zeigt, wie aktuell das Thema und Verdis Oper noch immer sind.

Vera Nemirova ist es wichtig, zu verdeutlichen, wie die Figuren von ihren Konflikten umtrieben sind, schutzlos, einsam, ein weinender König, ein unglücklicher Sohn, eine Ehe brechende, traurige Gemahlin.

Verdi hat immer wieder in seinen Opern Konflikte dargestellt: zwischen Vätern, Söhnen, Töchtern. In Rigoletto und La Traviata geht es um moralisch-sittliche Ver- und Gebote, in Nabucco und Aida um dynastische Verpflichtungen, in Der Troubadour um die Weitergabe eigener Traumata.

Ich persönlich liebe Don Carlo. Besonders wenn opulent arrangierte Bühnenbilder mit raffinierten Effekten, Vorhangprojektionen, aufsteigenden Wasserbassins im Klosterhof, einer beeindruckend imponierenden Menge an Statisten in wechselnden Kostümen glaubhaft dramatisch agieren, die überragenden Stimmen des Stücks die fehlende Liebe beklagen. Das ist berührend und ergreifend zugleich. Der ukrainische Bass Vitalij Kowaljow begeistert mit großem Volumen, Wärme und Schauspielkunst. Riccardo Massi als Don Carlo brilliert genauso wie sein Freund im Stück, der Marquis von Posa, gesungen vom ukrainischen Bariton Andrei Bondarenko. Alle sind stimmlich überzeugend und mitreißend gleichermaßen. Die vielseitige Anna Smirnova als Principessa Eboli, die junge Sopranistin Dinara Alieva als Elisabetta, bei ihnen und dem Rest des Ensembles sind die Spielfreude nach der langen Zwangspause deutlich zu spüren. Beide Sängerinnen haben einen samtigen Klang in der Stimme, wirken ausgeruht, voller Wucht und Energie, dabei präzise und nuanciert. Der Chor singt homogen und mitreißend. Der kroatische Dirigent Ivan Repusic führt sein Orchester sicher und facettenreich durch den Abend.

Don Carlo
Dinara Alieva (Elisabetta di Valois) ©Semperoper Dresden - Ludwig Olah

Seit vier Spielzeiten begeistert auch der Gesamtauftritt der einheitlichen Kommunikationsmittel in Dresden. Peter Theilers hat zu Beginn seiner Intendanz eine CI entwickelt und konnte für die Umsetzung Weltstars der Fotografie und Malerei gewinnen. Nach dem Fotografen Andreas Mühe und den Malern Gerhard Richter und Cornelius Völker wurde mit Thomas Ruff wieder einer der bedeutendsten Fotokünstler für die Gestaltung der Premierenmotive dieser Spielzeit verpflichtet.

Der Abend: Mit knapp vier Stunden arg lang, aber sehr gelungen. Bei der anschließenden Prämierenfeier ist es schön, mit den unkomplizierten Künstlern in den Dialog zu treten. Beim Hinausgehen ein letzter Blick auf die von Ariadne und Dionysos geführte Pantherquadriga von Johannes Schilling auf dem Dach der Semperoper. Sie soll die Musik symbolisch in die Welt hinaustragen. Diese Inszenierung hat es verdient.

Daniela Debus
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Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews opera premieres in Berlin and Munich.

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Marco
Marco
1 Monat zuvor

A very nice and interesting written review! Please note, that the 5 act Italian version premiered in 1886 and not in 1887, and the problem with the audience not reaching the trains, leading to cutting some 20 minutes, occurred in Paris ( not in Milano)