Seit etwa dreissig Jahren stellt sich vor jeder Opernpremiere in Europa die Frage, ob die jeweilige Aufführung in einer sog. modernen oder traditionellen Inszenierung gezeigt werden wird. Dabei hat das “Regietheater”- so irreführend dieser Begriff wirklich ist – seit den Siebziger Jahren immer wieder für lebhafte, zum Teil auch wütende Kontroversen gesorgt. In diesem Artikel soll es um eine Zusammenfassung der historischen Entwicklung moderner Operninszenierungen gehen, ohne die Entwicklung derzeitiger Operninszenierungen an sich in einer Form zu bewerten. Die Anhänger des sog. Regietheaters berufen sich darauf, dass Oper bis ins späte 19. Jahrhundert zu einem grossen Teil aus Uraufführungen bestand,  wodurch jedes Werk von Beginn an provokant, modern und neu gewesen sei. Heute müsse diese “Initial-provokation” einer provokanten Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Werkes weichen, um den ursprünglichen Geist von Werk und Komponist zu bewahren.

 

 

You can have any review automatically translated. Click the Google Translate button (“Vertalen”), which can be found at the top right of the page. In the Contact Page, the button is in the right column. Select your language at the upper left.

 

So gab es bereits in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts einige Vorläufer des Regietheaters, welche dem szenischen  Teil des Abends mehr Bedeutung einräumten, als dies traditionell in der Oper der Fall war: Gustav Mahler und Alfred Roller etwa um die Jahrhundertwende an der Wiener Staatsoper, arbeiteten erstmals mit Lichtstimmungen und leicht abstrahierten Bühnenräumen, Ideen die von Max Reinhardt (1873-1943), dem Begründer der Salzburger Festspiele aufgegriffen und weiterentwickelt wurden: Licht, Rundhorizont, Drehbühne oder die Verschmelzung von Bühne und Zuschauerraum waren plötzlich Elemente,  mit denen sich das Publikum auseinandersetzen musste. Auch Otto Klemperers Wirken an der Berliner Krolloper ist ein gern zitiertes Beispiel für die Fortsetzung dieses Wegs. Dennoch stand diesem Trend in Jahrzehnten  vor dem zweiten Weltkrieg immer noch die Führung der Musik im Vordergrund: Arturo Toscanini, Enrico Caruso, Beniamino Gigli,  Lauritz Melchior, Lotte Lehmann, Roza Raisa, um nur einige Namen zu nennen, gehören zu den grossen Künstlern, welche alleine durch ihr überwältigendes musikalisches Talent begeisterten und jegliche Diskussion über jegliche Regie obsolet machten.

Regietheater
Il servitore di due padroni (Goldoni). Direttore: Max Reinhardt. Felsenreitschule, 1926.

Eine Zäsur in dieser Entwicklung stellte freilich der zweite Weltkrieg dar. Deutschlands Opernhäuser waren meist zerstört und man versuchte vielerorts mit Provisorien den Neubeginn. Adolf Hitlers Besuche in Bayreuth waren in jener zeit einem Großteil der Künstler und dem Publikum noch extrem präsent, also Versuchte Wieland Wagner, welcher gerade sein Entnazifizierungsverfahren frisch überstanden hatte und fortan offiziell ”nur noch” als Mitläufer galt, in den frühen Fünfzigern etwas ganz Neues: Im sog. Neu-Bayreuth verschwand der Naturalismus von der Bühne und wich einer leeren runden Szenerie der sog. “Kochplatte” auf welcher das Geschehen umgeben von einigen wenigen Requisiten, Projektionen und Lichteffekten stattfand.

Regietheater
Winifred Wagner dà il benvenuto a Hitler al Festival di Salisburgo.

Das führte zwangsläufig zu einer Spaltung des Publikums, obwohl Wieland Wagner weder die Handlung im eigentlichen Sinne aktualisierte, sondern eher die zeitlose Abstraktion auf ein Maximum führte, was einigen Opern besser als anderen bekam. Mit dem aktuellen Begriff von Opernregie, hatte diese szenische Reform noch wenig zu tun. In der DDR schuf Walter Felsenstein im selben Zeitraum an der Komischen Oper eine Art der Oper in der Schauspiel und Musik gleichberechtigt existieren sollten, fortan war vom Musiktheater die Rede. Dabei fand auch hier noch freilich keine Aktualisierung statt, stattdessen standen akribisch probende Sänger im Zentrum von genauest gestalteten Dekorationen, wobei fremdsprachige Werke in neu angefertigten, dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Übersetzungen aufgeführt wurden. Dann kamen in Deutschland die 68er-Proteste. Im Sprechtheater lösten junge Regisseure wie Peter Zadek und Peter Stein oder auch Claus Peymann längst Skandale aus. In der Oper jedoch wurden bis in die Siebziger-Jahre derartige noch nicht in diesem Umfang wahrgenommen. Erst 1976, zum hundertsten Geburtstag des Rings des Nibelungen brachte der damals junge Patrice Chereau eine Neuproduktion in Bayreuth gemeinsam mit dem 68er Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez heraus, welche in der deutschen Industrialisierung spielte, Wotan als kapitalistischer Boss jener Zeit in Erscheinung trat, während die Rheintöchter als Nutten vor einem Staudamm schwammen.

Regietheater
L'oro del Reno. Festival di Bayreuth, 1976, diretto da Patrice Chereau. Foto: ©LEBRECHT.

Aïda als Putzfrau

Diese und zahlreiche andere Ungereimtheiten mit Wagners Werk nehmen die Anhänger dieser Skandalinszenierung bis heute in Kauf und verweisen darauf, dass diese Produktion bei ihrer letzten Aufführung Stehende Ovationen erhielt. Danach schien auch in der Oper alles erlaubt. In Frankfurt trat unter der Direktion von Michael Gielen Aida in den späten Siebzigern erstmals als Putzfrau in Erscheinung, während die Handlung ins Museum verlegt wurde, aus der ehemaligen DDR beglückte Ruth Berghaus das West-Publikum mit ihren Deutungen von Klassikern. Ein Mitwirkender von damals erinnert sich: “Berghaus in Frankfurt war der Wendepunkt. Habe ich mitgemacht, 20 Leute applaudierten frenetisch, der Rest guckte blöd und verwirrt rum. Presseerfolg, Blenderei vollbracht.”  Während jedoch auch in den 80er Jahren und den Frühen 90er Jahren das Regietheater und klassische Inszenierungen sich an den grossen Opernhäuser Europas noch etwa die Wage hielten, so existierte spätestens ab Mitte der 90er Jahre diese Ausgewogenheit nicht mehr. Peter Konwitschny, Hans Neuenfels, Calixto Bieito provozierten plötzlich nur noch auf Grund ihres Spasses an der Provokation, entgegen anderer Beteuerungen. Es schien ausgemachte Sache, das Operninszenierungen nur noch in einer anderen Epoche angesiedelt sein dürften, als derjenigen, in der die Oper eigentlich spielt.

Salome laut Peter Konwitschny. Amsterdam, 2009.

Gleichzeitig bekam  das Publikum Nackte auf der Bühne zu sehen, Sex und Blutorgien wechselten sich mit anderen opernfremden Dingen auf der Bühne ab, La Bohème spielte in einem Raumschiff, Lohengrin je nach Gusto im Rattenlabor oder Klassenzimmer, La Traviata auf dem Tennisplatz,  Rigoletto auf der Planet der Affen, Roberto Devereux in einem modernen Grossraumbüro, wobei Edita Gruberova im Spätherbst ihrer Karriere eine gute Miene zum bösen Spiel machte.  Dass sich bei diesen Inszenierungen die betrauten Regisseure immer noch auf den von Wieland Wagner oder Walter Felsenstein eingeschlagenen Weg berufen verwundert dabei immer wieder. Eines der unschönen Charakterzüge dieser Regisseure und Intendanten war stets diejenigen welche ihre Auffassung nicht teilten der Lächerlichkeit preiszugeben und anzufeinden: Franco Zeffirelli, Otto Schenk,  oder auch der abtrünnige Peter Stein galten schnell als reaktionär, ewig-gestrig oder wurden teilweise mit Nazi-Beschimpfungen verunglimpft, Sänger welche öffentlich opponierten, mussten das Schicksal der Arbeitslosigkeit fürchten. Kritiker, allen voran die Zeitschrift Opernwelt, mit ihrer unseligen Auszeichnung Opernhaus des Jahres, jubelten zahlreiche weit von Komponist und Werk entferne Inszenierungen in den Himmel und trieben dabei eine Spaltung des Publikums und der Künstler auf die Spitze. Rezensenten, die dagegen den vorherrschenden Trend kritisierten, mussten wie z.B. kürzlich in Amsterdam an der Nationalen Oper fürchten, keine Pressekarten mehr zu erhalten.

La Bohème laut Claus Guth. Opéra National de Paris 2017/18.

In der Zwischenzeit vertrieben in der Italienischen Opernprovinz, welche von Sparmassnahmen der Regierung ohnehin arg gebeutelt war, Damiano Michieletto und Graham Vick, der einst als sehr fähiger Regisseur an den grossen Häusern der Welt gastierte, auch noch die letzten eingefleischten Zuschauer. An der Met in New York gab der Broadway Regisseur Michael Mayer mit seinem nach Las Vegas verlegten Rigoletto diese altehrwürdige Operncompagnie immerhin derart der Lächerlichkeit preis, dass er bei seiner La Traviata einen völlig anderen geläuterten Weg einschlug.  Dieser überhitzte Opernbetrieb erhielt nun im Frühjahr 2020 mit dem Aufkommen der Corona-Krise erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine Zwangspause. Fast alle Opernhäuser der Welt schlossen, wenn man Glück hatte konnte man aufgezeichneten Aufführungen im Internet schauen und sich zum gegenwärtigen Opernbetrieb Gedanken machen. Vielleicht wird die aktuelle, existenzielle Krise, die auch den Opernbetrieb erfasst hat, endlich wieder das tun, was unter dem Regietheater solange vergessen wurde: Einen und nicht Spalten.

Marco Ziegler
5 1 stem
Artikelbeoordeling
Marco Ziegler
Marco Ziegler

REVIEWER

Marco Ziegler, based in Zürich, went to the opera from the age of 10 and has a keen eye and ear for the developments of the last few decades. Favourite genre: Italian Opera. Favourite operas: Aida, Don Carlo and La Forza del destino.

Abonneer
Laat het weten als er
guest
1 Reactie
Oudste
Nieuwste Meest gestemd
Inline feedbacks
Bekijk alle reacties
trackback

[…] Regietheater. Wie sind wir hereingekommen? […]