Elena Moşuc: „Viel Sehnsucht nach dem Opernhaus Zürich.“

Elena Moşuc, Interview Teil 1

Elena Moşuc wurde in Iași, Rumänien geboren und studierte am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie gewann mehrere internationale Gesangswettbewerbe. Im Jahr 2009 promovierte sie über das Thema «Wahnsinn in den italienischen Opern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts». Elena Moșuc startete ab 1991 am Opernhaus Zürich eine fulminante internationale Karriere. Ständige Gastauftritte führen sie seitdem an die bedeutendsten Häuser und Festivals von Europa, sowie in die USA, nach Japan, China und Korea. Dabei bestand eine enge Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Lorin Maazel, Christoph von Dohnányi, Fabio Luisi, Nikolaus Harnoncourt, Valery Gergiev, Sir Colin Davis und Nello Santi. Elena Moșuc hat sich mit ihrem umfangreichen Repertoire im Kreise der vielseitigsten und ausdrucksstärksten Soprane der Welt etabliert. Für ihre ausserordentliche, internationale Karriere wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt, zuletzt 2019 mit dem Oscar della Lirica als Beste Sopranistin. Ihre Diskographie umfasst u.a. das Solo-Album Verdi Heroines, für welches sie 2019 für einen Opus Klassik nominiert wurde sowie diverse Opernaufnahmen auf CD und DVD. Geplant sind Neuproduktionen u.a. von Adriana Lecouvreur in Liège, Otello in Catania sowie zahlreiche Konzerte u.a. in Wien, Bukarest, Tel Aviv etc. (Biografie gemäss Opernhaus Zürich, gekürzt)
Das erste Mal, als ich Dich hörte, war in München im Jahr 2001 als Lucia in  Lucia di Lammermoor

„Die Aufführung mit Neil Shicoff? Das war ein grosser Meilenstein in meiner Karriere. Ich war ja für Edita Gruberova eingesprungen und am Ende gab es 30 Minuten stehende Ovationen. Was für eine Stimmung. Ich war unendlich dankbar.“

Du hast die Rolle der Lucia ja auch über viele Jahre in Zürich gesungen. Kürzlich habe ich im Internet den Mitschnitt einer Aufnahme mit Alfredo Kraus aus dem Jahre 1998 im Internet gefunden und ich war insbesondere von dem Duett dem ersten Akt total überwältigt …

„Es war eine unbeschreibliche Aufführung und Erfahrung mit einer solchen Legende wie Alfredo Kraus auf der Bühne zu stehen. Auch damals bin ich eingesprungen. Alfredo hatte ursprünglich geplant die Serie mit seiner Landsfrau Isabel Rey zu singen. In der letzten Aufführung hat sie jedoch abgesagt. Es war unvergesslich….“

Elena Moşuc
Elena Moşuc, Februar 2019
Nun kehrst du ja nach sieben Jahren zurück ans Opernhaus Zürich, wo Du viele Jahre fest engagiert warst und zahlreiche Rollen insbesondere des Belcanto-Repertoires und des frühen Verdi gesungen hast. Wie ist diese Rückkehr für Dich?

„An diesen wichtigen Ort, dem ich so viel zu verdanken habe, gefördert wurde und an dem ich mich so gut weiter entwickeln konnte, ist für mich eine äusserst emotionale Angelegenheit. Hier habe ich unendlich viel gelernt, z.B. aus der Zusammenarbeit mit Maestro Nello Santi oder Maestro Nikolaus Harnoncourt. Hier habe ich einen grossen Teil meines Repertoires in Korrepetitionen mit den fantastischen Pianisten am Haus erarbeiten dürfen. Ich habe zuletzt 2018 einen wunderschönen Liederabend am Opernhaus gegeben, nun kehre nach 7 Jahren für szenische Aufführungen zurück. Das ist für mich an diesem Ort eine äusserst emotionale Angelegenheit und eine Art Rückkehr nach Hause. Ich hatte viel Sehnsucht nach dem Opernhaus Zürich und wusste, dass viele meiner Fans auf mich warten. Trotzdem habe ich mich für eine Sekunde gefragt, ob das Zürcher Publikum mich noch kennt. Ausserdem hat mich die Frage beschäftigt, wie diejenigen, die sich noch an mich erinnern können, mich bei meiner Rückkehr finden werden. Insgesamt überwiegt aber die Dankbarkeit, dass sich wieder die Möglichkeit habe, mich meinem Züricher Publikum vorzustellen, denn ich habe ihm künstlerisch noch viel zu sagen.“

Elena Moşuc
In: Norma, Opera Nationala Bukarest, 2021
Elena Moşuc
In: Lucia di Lammermoor, La Scala, 2016.
Die Leonora in Verdis Il Trovatore ist eine Rolle, die über das Repertoire, das Du bisher gesungen hast, deutlich hinausgeht. Wie legst Du diese anspruchsvolle Partie musikalisch an?

„Zuerst einmal möchte ich sagen, dass die Frauenrollen der gesamten «Triologia Popolare», also La Traviata, Rigoletto und Il Trovatore für dieselbe Art von Sopran komponiert wurden. Die Leonora der Uraufführung Rosina Penco war auch eine gefeierte Gilda und Violetta. Es wurde erst in den letzten Jahrzehnten üblich, diese Rolle mit einer schwereren Stimme zu besetzen, was jedoch bei vielen Kolleginnen Probleme in der Höhe mit sich bringt. Ich verstehe mich als hoher Sopran, hatte jedoch nie eine «Piepsstimme». Meine Stimme hat sich über die Jahre allerdings auch weiterentwickelt.  Ich erreiche die erforderliche Dramatik durch Ausdruck und meine Technik. Meine Lehrerin, Maestra Mildela D`Amico, bei der ich in Milano studiert habe, hat mir die italienische Gesangstechnik beigebracht, die vor allem die Bedeutung des Atems betont. Ich habe sehr intensiv mit meiner Maestra gearbeitet um alle schwierigen Partien, die ich über Jahre erarbeitet habe, mit einer sehr soliden Technik sicher zu singen. Dabei interpretiere ich jeden Ton bewusst und möchte die Phrasierung möglichst interessant und emotional gestalten. So ist es mir z.B. gelungen in der riesigen Arena di Verona das hohe A am Ende von «Addio del passato» in La Traviata im Pianississimo verklingen zu lassen. Das ist eine Herangehensweise, die mir auch bei der Leonora zugutekommt.“

Elena Moşuc: "Viel Sehnsucht nach dem Opernhaus Zürich."
In: Norma, Opera Nationala, Bukarest 2021
Du hast deine erste Leonora 2018 in Belgrad gesungen…

„Ja unter Maestro Dejan Savic. Er ist ein Dirigent der alten Schule, es war fast ein bisschen wie unter Maestro Nello Santi. Ich konnte wahnsinnig viel von ihm lernen und die Arbeit an der Leonora gemeinsam mit ihm hat mir grosse Freude bereitet. Zudem war das eine wunderschöne klassische Inszenierung in Belgrad.“

Wie hast Du nun Deine erste Leonora in Zürich erlebt?

„Ich war überwältigt zurück zu sein. Der herzliche und warme Empfang meiner alten Freunde am Opernhaus hat mich sehr berührt. Die Inszenierung hier in Zürich ist modern, aber sehr ästhetisch. Bei dieser Wiederaufnahme war fast das ganze Ensemble neu und wir mussten uns alle erst einmal aufeinander einspielen. Am Tag nach der ersten Aufführung war ich so müde, dass ich am nächsten Tag erstmal lange geschlafen habe. Da habe ich erst richtig gemerkt, wie es an den Kräften zehrt, in so einem Bühnenbild zu spielen und singen.  Vor allem aber der Druck, den ich am ersten Abend beim Aufeinandertreffen mit meinem Publikum verspürte, hat mich ein bisschen mehr Energie gekostet. Von der zweiten Vorstellung an, war alles leichter und entwickelte sich immer besser. So wächst nun die Rolle musikalisch, stimmlich und szenisch mit jeder weiteren Vorstellung.“

(Fortsetzung folgt am 3. Oktober)
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Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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