LA GIOCONDA in Como

Dirigent: Francesco Ommassini; Regie und Bühnenbild: Filippo Tonon; Orchestra e coro della Fondazione Arena di Verona; La Gioconda: Rebeka Lokar; Laura: Teresa Romano; Alvise Badoero: Simon Lim; La Cieca: Agostina Smimmero; Enzo Grimaldo: Angelo Villari; Barnaba: Angelo Veccia; Isèpo: Francesco Pittari; Zuàne: Alessandro Abis; Un cantore: Francesco Azzolini; Un pilota: Maurizio Pantò 

Music 4****
Direction 3***

Amilicare Ponchiellis 1876 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper La Gioconda mit einem Libretto von Arrigo Boito (herausgegeben auf das Akronym «Tobia Gorrio») basierend auf Victor Hugos Schauspiel Angelo, tyran de Padoue, gehört zweifellos zu den interessantesten und schönsten Werken der italienischen Oper, ausserhalb dem Schaffen Giuseppe Verdis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ponchiellis Oper, konnte sich, trotz der immensen musikalischen Anforderungen – als einziges Werk des Komponisten – weltweit einen gewissen Platz im Repertoire der Opernhäuser sichern. Sie bietet neben der überaus effektvollen und dramatischen Handlung, mitreissende und  leidenschaftliche Melodien, sowie die Gelegenheit für aufwändige Kulissen eines im 17. Jahrhunderts verankerten Venedig. Vor diesem Hintergrund muss man fast zwangsweise an eine immer noch gezeigte Referenz-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin denken, die unter Verwendung von Kulissen aus der Entstehungszeit des Werkes – unter der Voraussetzung des Vorhandenseins einer entsprechenden Besetzung – stets ein Fest für Auge und Ohr garantiert.

Wie bereits erwähnt, stellen Ponchielli und Boito in der Oper ein düsteres, von der Inquisition beherrschtes Venedig des 17. Jahrhunderts in der Tradition der Schauerromantik auf die Bühne.  Im Zentrum steht dabei die Strassensängerin Gioconda, die das Liebes-Werben des Inquisitionsspitzels Barnaba abweist. Aus Rache hetzt dieser daraufhin einen entfesselten Mob gegen Giocondas blinde Mutter «La Cieca» wegen angeblicher Hexerei auf, welche jedoch durch Laura, der Ehefrau von Alvise Badoero, dem Oberhaupt der venezianischen Inquisition, gerettet wird. Obwohl Laura, die mit Alvise zwangsverheiratet wurde, mit Gioconda um die Liebe des aus Venedig verbannten Adeligen Enzo Grimaldo rivalisiert, vergisst Gioconda ihr die Rettung ihrer Mutter nicht.

La Gioconda

Das geht soweit, dass sie Lauras Leben rettet, nachdem ihr Ehemann sie auf Grund ihrer Untreue zwingt, Gift zu trinken und nicht einmal Skrupel hat, die vermeintliche Tote einer in der Ca’d’Oro versammelten Festgesellschaft vorzuführen. Für Gioconda selbst endet das Drama jedoch tödlich: Nachdem sie Enzo zugunsten von Laura freigegeben hat, entzieht sie sich durch Suizid einer Liebesnacht mit Barnaba, die dieser um den Preis der Freilassung von Giocondas Mutter gefordert hatte. Dass der Spitzel die alte, blinde Frau bereits ertränkt hat, bekommt Gioconda nicht mehr mit.

Zeitverlegung

Im wunderschönen, am Rande der historischen Altstadt von Como gelegenen, Teatro Sociale wurde nun Ponchiellis Oper für nur zwei Vorstellungen gezeigt. Dabei wurde auf eine Koproduktion mehrerer kleinerer italienischer Opernhäuser (u.a. Verona und Catania) zurückgegriffen, wobei die Premiere der Inszenierung von Fillipo Tonon, einem ehemaligen Assistenten des berühmten Regisseurs Hugo de Ana, bereits im September dieses Jahres im slowenischen Maribor Premiere hatte. Tonon, verlegt die im 17. Jahrhundert angesiedelte Handlung, in die Entstehungszeit der Oper, da er sich, wie er im Programmheft beschreibt, Ponchiellis Musik nur im Zusammenhang mit der Epoche des späten 19. Jahrhunderts vorstellen könne. Hier möchte der Rezensent jedoch entschieden hinterfragen und entgegnen, wie dann der Regisseur, den sich aus dieser Zeitverlegung ergebenden historischen Widerspruch aufzulösen gedenkt, da die venezianische Inquisition lediglich bis Ende des 18. Jahrhunderts aktiv war. Auch wurden in diesem Zusammenhang, die berüchtigten «Briefkästen» für anonyme Denunziationen, wie das von Barnaba genutzte Löwenmaul, bis 1797 abmontiert… In der Praxis hatte der Regisseur ein eher nüchternes Setting entworfen, wobei zwei bewegliche steinerne Türportale und bei Bedarf eine halb verfallene steinerne Rückwand, insgesamt einen eher funktionalen als stimmungsvollen Rahmen für Ponchiellis Oper abgaben.

La Gioconda
LA GIOCONDA in Como

Daran änderte auch die überwiegend eintönige Beleuchtung nur wenig, die kaum etwas von der durch die Musik evozierte Atmosphäre eines morbiden Venedigs aufkommen liess. Einzig das im zweiten Akt spektakulär in Flammen aufgehende Schiff Enzos brachte dabei etwas Abwechslung, während die Festszene im dritten Akt mit dem berühmten «Tanz der Stunden» weitgehend blass geriet. Die Kostüme, durch den Regisseur und Carla Galleri entworfen, entsprachen der gewählten Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hinterliessen jedoch keinen nachhaltigen Eindruck. Insgesamt liess die optische Umsetzung der Oper jedoch viel Raum für die Sänger, um ihre jeweiligen Partien szenisch und musikalisch zu verkörpern, wobei immerhin die Personenregie einige schöne Details zeigte.

Im ausladenden roten Kostüm mit Säbel (warum eigentlich?) spielte Rebeka Lokar als Gioconda ihre Rolle als gesellschaftliche Aussenseiterin mit viel Leidenschaft und Engagement, wobei ihr robuster und vibrato-reicher Sopran in der Höhe zu Schärfen neigte und die Registerwechsel insbesondere im ersten Teil des Abends Probleme bereiteten. Im 4. Akt gelang ihr jedoch eine mitreissende «Suicidio»-Szene, bei der sie ihren Sopran frei strömen lassen konnte. In den besten Händen war dagegen die Laura bei Teresa Romano, die mit warmem, sicher geführtem Mezzosopran, die grosse Auseinandersetzung der beiden Rivalinnen «L’amo come il fulgor del creato!» sicher für sich entschied und die im dritten Akt ihrem brutalem Ehemann sicher die Stirn bot. Agostina Smimmero bot als La Cieca mit warm strömenden Kantilenen ein wahrlich ausgezeichnetes «Voce di donna o d’angelo» – eine der schönsten Arien, die in der gesamten Opernliteratur für die Stimmlage Alt geschrieben wurden. In der Rolle des Enzo Grimaldo brauchte Angelo Villari eine gewisse Zeit um mit seinem markanten und metallenen Spinto-Tenor stimmlich warm zu werden, begeisterte jedoch bereits am zweiten Akt mit der berühmten Romanze «Cielo e mar» mit sicher und stilschön vorgetragenen Phrasen.  Angelo Veccias knorriger und in Teilen unsauber geführter Bariton schaffte es dagegen leider nur bedingt, den Spitzel Barnaba, einer Vorläuferfigur von Verdis Iago, zu glaubwürdigem Bühnenleben zu erwecken. Der nachtschwarze und gleichermassen elegante Bass von Simon Lim als Alvise Badoero hinterliess  mit seinem mit sichtlich sadistischem Ausdruck vorgetragenen «Invan tu piangi – invan tu speri,» dagegen mehr Eindruck.

La Gioconda

Ausgezeichnet hatte Ulisse Trabacchin, Chordirektor der Fondazione der Arena di Verona, die anspruchsvollen zwischen venezianischem Volkslied, geistlichem Choral und festlichem Hymnus angesiedelten Chorsätze perfekt einstudiert, wozu auch der Kinderchor «Coro di voci bianche» bei seinem ausgedehnten Auftritt im zweiten Akt entschieden beitrug. Wunderbar ausbalanciert klang auch das Orchester der Fondazione Arena di Verona unter dem detailreichen Dirigat von Francesco Ommassini. Da wurde unter Betonung der dunklen Streicher die Eigenständigkeit von Ponchiellis Musik in einer ansonsten von Giuseppe Verdi geprägten  musikalischen Epoche bestens herausgearbeitet, da gelang es, die heiteren Rhythmen des berühmten Stundentanzes «La danza delle Ore» der seelischen Not der Hauptprotagonisten gegenüber zu stellen und so den musikalischen Spannungsbogen dieser langen Oper stets aufrecht zu erhalten. Das Publikum sah das offenbar genauso und spendete am Ende der fast vierstündigen Aufführung allen beteiligten Künstlern grossen Applaus.

Marco Aranowicz

5 1 vote
Article Rating
Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments