Hänsel und Gretel in Köln: Wie Popcornkino

Hänsel und Gretel. Märchenoper in drei Akten. Libretto von Adelheid Wette nach Hänsel und Gretel der Gebrüder Grimm. Musik von Engelbert Humperdinck (1854 – 1921).
Gesehen: 19. Dezember 2021.

Musikalische Leitung: François-Xavier Roth;   Peter, Besenbinder:  Miljenko Turk; Gertrud, seine Frau: Judith Thielsen; Hänsel: Anna Lucia Richter; Gretel: Kathrin Zukowski; Die Knusperhexe: Dalia Schaechter; Sandmännchen / Taumännchen: Ye Eun Choi; Orchester: Gürzenich-Orchester Köln; Kinderchor: Knaben und Mädchen der Kölner Dommusik; Inszenierung: Béatrice Lachaussée

Musik: 3***
Inszenierung: 3***

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Die neue Religion 

2021 ist Engelbert Humperdinck-Jahr: Vor 100 Jahren verstarb der Komponist, dessen Märchenspiel Hänsel und Gretel Jahr für Jahr unter den Top 3 der am meist gespielten Opern in Deutschland landet. Der Komponist, dessen Name allein schon so märchenhaft klingt, dass ihn sich ein britischer Popsänger dreist als Künstlername angeeignet und ihn ein amerikanischer Fantasyromanautor in einem seiner Werke verwurstet hat. Doch der echte Engelbert Humperdinck ist am 1. September 1854 im, eine halbe Autostunde von Köln entfernt gelegenen Siegburg geboren, wird dementsprechend bitte auch nicht Hamperding ausgesprochen und war, wie uns die Oper Köln erklärt, eng mit der Domstadt verbunden.

Na ja … Humperdinck hatte in Köln mit 14 Jahren seine erste Oper gesehen, im Gürzenich sein erstes Wagner-Konzert gehört, von 1872 bis 1876 hier Musik studiert und … wurde am Stadttheater in der Glockengasse als 2. Kapellmeister nach einem Probemonat „wegen zu großer Gründlichkeit“ gekündigt. Köln war dem sensiblen Künstler „eine Krämerstadt“. Allerdings lobte er die Erstaufführung seines 2. Welterfolgs, der tragischen Märchenoper Königskinder, am 2. April 1911 im Kölner Opernhaus am Habsburgerring als „mustergültig“ und ließ 1914 sein Singspiel Die Marketenderin am selben Haus uraufführen.

Warum die Kölner Oper diese „Verbundenheit“ nicht mit einem Humperdinck-Konzert oder einer Neuinszenierung seiner seit 1938 nicht mehr hier gespielten „Königskinder“ feiert sondern dafür die an Ludwig Richter gemahnende Jürgen Rose-Inszenierung von Hänsel und Gretel für eine Neuproduktion aus dem Repertoire kegelt, darf zumindest hinterfragt werden. Zumal die Bonner Oper fast zeitgleich ebenfalls eine Neuinszenierung von Hänsel und Gretel herausgebracht hat.

Hänsel und Gretel
©Paul Leclaire

Rechte Freude mag bei der Premiere am 19. Dezember 2021 in Köln jedenfalls nicht aufkommen. Der Funke springt einfach nicht über. Weder musikalisch noch szenisch. Keine Regung nach der Ouvertüre, kein Zwischen- und der Schlussapplaus mit einem Buh für das Regieteam rasch verklungen. Zwei Vorhänge. Das war’s!

Hänsel und Gretel fast erwachsen

Es ist schon ein bisschen tragisch, wenn die Mutter, hier in der Inszenierung ist es die Stiefmutter, vom Timbre her kindlicher klingt als Hänsel und Gretel. Judith Thielsen wäre ein guter Hänsel gewesen, für eine verzweifelte (Stief-)mutter ist ihre Stimme schlichtweg zu strahlend. Anna Lucia Richter wiederrum hätte eine gewaltige (Stief-) mutter abgegeben und wird sicher mal eine großartige Carmen sein, doch den Hänsel nimmt man ihr – trotz der androgynen Figur – nicht recht ab. Genauso wenig kindlich klingt Kathrin Zukowski als Gretel. Beide haben sehr schöne Stimmen, aber man glaubt kein einziges Mal, zwei Kinder zu hören. Bei den legendären Einspielungen mit Köth, Berger, Grümmer, Donath ist es genau andersherum: Da wundert man sich, dass es tatsächlich Damen sind, die da den kindlichen Tonfall so gut treffen.

Hänsel und Gretel
©Paul Leclaire

Vielleicht sollte es aber auch so sein: Regisseurin Béatrice Lachausée erklärt im Interview, dass Hänsel und Gretel für sie Jugendliche an der Grenze zum Erwachsensein wären. Nun denn. Dankbar darf man ihr sein, dass sie Humperdincks Wunsch respektiert, die am Ilsenstein lauernde Knusperhexe niemals jemals mit einem Tenor zu besetzen. Und wenn man Dalia Schaechter „Kommt kleine Mäuslein, kommt in mein Häuslein“ säuseln, ihr „Malus Locus“ raunen und „Mein Besengaul, Hur Hop nit faul“ kreischen hört, dann dürfte wohl jedem klar sein, welchen Bärendienst man dem Werk erweist, im Knusperhäuschen eine clowneske Travestienummer abzuziehen. Die einzige Männerstimme im polyphonen Gesamtkunstwerk des Komponisten mitsamt Sand-und Taumännchen (Ye Eun Choi muss auf einem Gerüst singen und klingt ein bisschen ängstlich) und Lebkuchenkindern (gut, die Kinder der Kölner Dommusik unter der Leitung von Eberhard Metternich und Oliver Sperling) ist die des Vaters. Miljenko Turk singt ihn routiniert, wenngleich er in dieser Produktion sein schauspielerisches Talent kaum ausleben darf. Das mag auch am Dirigat liegen.

Hänsel und Gretel
©Paul Leclaire

Hänsel und Gretel war in Köln oft Chefsache: Klemperer und Pritchard haben das Gürzenich-Orchester gerne an den Ilsenstein geschickt. Und so ist es erfreulich, dass sich Generalmusikdirektor François-Xavier Roth des „verteufelt schweren Hänselchens“, wie Richard Strauss das Werk bezeichnete, annimmt. Leider hetzt er zeitweilig ein wenig arg schnell durch den finst’ren Tann. Das Geheimnisvolle, jene Licht- und Schattenspiele, die Humperdinck so unvergleichlich schön in Töne zu fassen vermochte, entfalten sich kaum. Roth liegen vor allem die lauten, dramatischen Passagen. Da geht er in die Vollen.

In sich selbst verliebte Tricktechnik

Und auch diese, seit der Erstaufführung am 15. Dezember 1894, neunte Inszenierung in Köln, ist laut und geht in die Vollen. Regisseurin Lauchassée lässt die weibliche Erziehungsberechtigte gleich zu den Klängen der Ouvertüre bei einem Freizeitparkbesuch an Herzversagen sterben. Wie Doktor Schiwagos Mutter liegt sie dann aufgebahrt im Hochzeitskleid. Hänsel und Gretel legen ihr ein Abschiedspräsent in die Hände und unfreiwillig komisch rollt die schöne Leich‘ dann hinter den Vorhang. Der von Grégoire Pont videoanimierte Titel „Hänsel und Gretel“ wird eingeblendet, sodass auch der letzte Depp merkt, wofür er Eintritt bezahlt hat. Und dann erfahren wir – erneut dank Einblendung –, dass wir einen Zeitsprung um ein paar Jahre vor gemacht haben: Der Freizeitpark ist pleite. Vater Peter ist, so lesen wir im Programmheft, einmal Karussellbesitzer gewesen und nun Vertreter von Haushaltsartikeln. Doch anstelle der strohgedeckten Besenbinderhütte, die ältere Generationen in der Rasky-Inszenierung von 1966 entzückte, stehen da Waschmaschine, Autoscooter und ein hölzerner Wohnwagen, dessen Schornstein pittoresk qualmt. Hänsel und Gretel sollen irgendwas reparieren, vertreiben sich die Zeit lieber mit einem lieblos choreografierten Tänzchen, werden von der heimkehrenden Stiefmutter mit einem Stock zwei Mal um den Campingtisch gejagt, der dann Krach! Peng! pflichtschuldigst mitsamt dem Abendessen umfällt. Mit den Worten „Ab in den Wald, dort sucht mir Erdbeeren. Wird es bald? Und bringt ihr den Korb nicht voll bis zum Rand, so hau‘ ich euch, dass ihr fliegt an die Wand“ und einem gewaltig aufrauschenden Orchesterklang werden sie fortgescheucht, finden aber noch Zeit genug, Thermoskanne und Taschenlampe einzupacken… Als der Vater heimkehrt und seiner neuen Frau klarmacht, welch tödliche Gefahren im Wald lauern, zögert diese keine Sekunde, die Stiefkinder zu suchen.

©Paul Leclaire
©Paul Leclaire

Und allem Regietheater zum Trotz: Es gibt in dieser Inszenierung einen Wald! Zwar blinkt da auch immer mal wieder der Schriftzug des stillgelegten Freizeitparks, doch es gibt ihn. Und wenngleich Stämme und Blattwerk von Eyvind Earles Hintergrundmalereien für Disney’s Animationsklassiker Dornröschen aus dem Jahre 1959 abgeschaut sind, so gelingen dank Pont’s Videoanimation und der Lichtregie von Andreas Grüter echt poetische Stimmungen. Nur leider karikieren die sich leider ziemlich schnell selbst mit enervierend herumwatschelnden Hagebuttenmännlein, Rehlein, Häslein, Vögelchen und Peppa Pig-Figürchen. Die Traumpantomime als Reminiszenz an des Zauberlehrlings Traum in Disney’s „Fantasia“ wird so zum psychodelischen Gleitflug. Es gibt keine goldene Engelstreppe, wie sie das Libretto vorsieht und die – laut Rezensionen und Augenzeugenberichten der jeweilige Höhepunkt der Kölner Produktionen von 1894, 1902, 1922 und 1936 gewesen sein muss. Es gibt auch keine 14 Engel. Zum Glück aber auch keine mutierten Rieseneichhörnchen, Schlümpfe, Clowns, Teddybären oder schwabbelbäuchige Köche, die uns heutzutage so gerne als Engelsersatz präsentiert werden. Hier erscheint im Sternenlicht ein merkwürdig lächelndes, stilisiert gezeichnetes Gesicht: Nein, es ist nicht die Hexe, wie es manches Kind im Zuschauerraum erschrocken flüsterte, es soll die verstorbene Mutter sein. Was letztlich aber erst so richtig klar wird, als zum Ende hin die zwei Totengaben Hänsel und Gretels an ihre Mutter aufstrahlen.

Hänsel und Gretel
©Paul Leclaire

Konsumkritik

Das Knusperhäuschen am nächsten Morgen präsentiert sich plakativ als „amazing zone“. Kaum zu glauben, aber die in sich selbst verliebte Animationstechnik legt noch einen drauf: Alles dreht sich, bewegt sich, blinkt und leuchtet, wirkt zudem nicht sonderlich appetitlich und ist – so erklärt die Regisseurin – als Konsumkritik zu deuten. Dementsprechend krabbeln einige der Lebkuchenkinder nach dem unspektakulär explodierenden Ofen aus Pappkartons. Und spätestens jetzt wird auch klar, warum Hänsel und Gretel beim Abendsegen nicht einmal die Hände gefaltet haben: Anstelle des christlichen Glaubensbekenntnisses, das Libretto und Partitur wie ein roter Faden durchzieht, tritt hier der Glaube an Natur und den Umweltschutz.

Deswegen also die Möglichkeit, in der Pause kleine Zettel mit Ideen, wie jeder einzelne die Umwelt schonen kann, zu beschriften und an die Foyerwand zu pinnen. Auch im Programmheft propagiert Frau Lauchaussèe die Rückkehr zur Natur. Und sie setzt da, wo Humperdinck zu den gläubigen Schlussversen „Wenn die Not auf’s Höchste steigt, Gott, der Herr, die Hand uns reicht“ ein Ausrufezeichen komponiert, ein Fragezeichen.

Dass sie so dem Werk schlichtweg den Boden unter den Füßen wegzieht, dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Inszenierung einen weitestgehend kalt lässt. Die nichtssagenden Kostüme von Dominique Wiesbauer tun ihr übriges. Das Geschehen auf der Bühne rauscht so an einem vorbei. Wie Popcornkino. Es gibt Schlimmeres.

Christoph G. Molitor


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Christoph G. Molitor

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Christoph G. Molitor is a set-designer, architect, puppeteer, illustrator and opera reviewer. He studied at the Mozarteum, Salzburg, and at the University of Cologne.

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Gerhard Wischniewski
Gerhard Wischniewski
28 Tage zuvor

Nach dem, was ich in der örtlichen Presse gelesen habe, die leider vieles immer wieder beschönigt, werde ich solch eine Inszenierung nicht besuchen. Ich verstehe überhaupt nicht, warum Regisseure fertige Werke der Vergangenheit nicht so inszenieren können, wie sie das Libretto vorsieht sondern ganze Werke oder Teile davon verdrehen. Liegt es an mangelnder Fähigkeit oder sind diese Regisseure nur Sklaven des Zeitgeistes?

Rolf von Criegern
Rolf von Criegern
27 Tage zuvor

Ich stimme von Herzen zu!
Ich erinnere mich an eine Inszenierung im Nationaltheater München, in der die Pantomime der Engel so traumhaft schön inszeniert war, daß mir die Tränen kamen. Das ist viele Jahre her und wurde in neueren Inszenierungen, auch am Gärtnerplatz, nie mehr erreicht, ja, gar nicht angestrebt. Traurig!

Christoph
Christoph
26 Tage zuvor

Ja, ich habe die letzten beiden Vorführungen der alten Münchner Inszenierung gesehen Das war traumhaft schön. Und von wegen veraltet! Das Publikum war total gebannt. Frohe Weihnachten!