CAMILLA NYLUND – Von der Gräfin bis zur Brünnhilde..

Camilla Nylund: Die Frage, wie man das Publikum ins Theater bekommt scheint aktueller denn je.“

Camilla Nylund, im finnischen Vaasa geboren, gehört zu den international gefragtesten lyrisch-dramatischen Sopranistinnen. Sie studierte am Salzburger Mozarteum, war 1995-1999 Ensemblemitglied der Staatsoper Hannover und gehörte 1999-2001 dem Ensemble der Sächsischen Staatsoper in Dresden an. 2008 wurde sie zur Sächsischen Kammersängerin ernannt, 2019 zur Wiener Kammersängerin. Gastengagements führten sie seither u.a. an die Mailänder Scala, die Met, die Staatsopern von Wien, Hamburg, München und Berlin, an das New National Theatre in Tokio, die Vlaamse und die Nederlandse Opera, die Deutsche Oper Berlin, das ROH, die Opéra Bastille nach Bayreuth und zu den Salzburger Festspielen. Zu ihren wichtigsten Partien gehören die grossen Heroinen von Richard Wagner und Richard Strauss. An der Wiener Staatsoper sang sie Marietta/Marie (Die tote Stadt), in Bayreuth Elisabeth, Elsa, Sieglinde und Eva sowie Marie (Wozzeck) an der Deutschen Oper am Rhein. 2021 gab sie an der Berliner Staatsoper ihr Rollendebüt als Jenufa. Als Konzertsängerin war sie u.a. im Konzerthaus und der Philharmonie Berlin zu hören, im Herkulessaal München, Concertgebouw Amsterdam, Wiener Musikverein und Konzerthaus, Elbphilharmonie Hamburg, an den BBC Proms und im KKL Luzern. Sie arbeitet mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Simon Rattle, Daniel Barenboim, Vladimir Jurowski, Christian Thielemann und Riccardo Muti. Am Opernhaus Zürich gab sie im Juni 2022 ihr Rollendebüt als Isolde, zuvor war sie hier bereits als Senta im Fliegenden Holländer zu hören. Diesen Monat wurde Camilla Nylund der Lotte-Lehman-Gedächtnisring an der Wiener Staatsoper überreicht – einer der führenden Auszeichnungen für Sängerinnen des deutschen Faches weltweit.  (Biographie gemäss Opernhaus Zürich, gekürzt und leicht ergänzt).
Anlässlich Camilla Nylunds Rollendebut als Brünnhilde in der Neuproduktion der Walküre und den geplanten Auftritten als Brünnhilde in den übrigen Teilen des Rings des Nibelungen am Opernhaus Zürich, gelang es Opera Gazet die vielseitige und weltweit gefragte Künstlerin an einem Freitagvormittag Ende September für ein Interview zu gewinnen.
Frau Nylund, gestern Abend sind Sie am Opernhaus wieder als Brünnhilde in der Walküre aufgetreten. Wie haben Sie ihr Debut in dieser anspruchsvollen Rolle hier in Zürich erlebt?

Wir waren alle sehr zufrieden mit der Vorstellung und glücklich mit der Inszenierung von Andreas Homoki. Ich muss sagen, ich war zu Beginn schon etwas aufgeregt. Ich habe zuerst gedacht, wie soll ich all diesen Text lernen und das alles verstehen und war entsprechend aufgeregt. Unser Wotan Tomasz Konieczny singt aktuell seine 17. Inszenierung des Ringes, ich dagegen meine erste Brünnhilde. Sie stellt in Wagners Werk, neben der Isolde, für mich wohl die grösste Herausforderung dar. Aber in dieser Inszenierung ist alles so klar verständlich, macht Sinn und hält eine unglaubliche Spannung. Wir waren alle wirklich glücklich mit dem Ergebnis und das an einem Ort, dem ich schon lange künstlerisch verbunden bin: ich habe 2004 am Opernhaus Zürich mit Fidelio debütiert, danach folgte die Fiordiligi 2005.

Im August durfte ich Sie noch beim Lucerne Festival bei der konzertanten Aufführung des ersten Aufzuges der Walküre als Sieglinde erleben und jetzt in derselben Oper als Brünnhilde. Was ist für Sie der Unterschied zwischen den beiden Rollen?

Brünnhilde auf der Bühne zu verkörpern empfinde ich als deutlich anstrengender. Die Sieglinde hat eine andere Tessitura, einen anderen Charakter. Ihre Erzählung im ersten Aufzug ist kürzer und vom Charakter her eher introvertiert. Natürlich hat auch diese Rolle tiefe Stellen. Die Brünnhilde besitzt dagegen andere Klangfarben. Die Rolle ist deutlich getragener und anders instrumentiert als die Sieglinde. Und der zweite Aufzug ist in jeder Hinsicht extrem. Er beginnt mit den Hojotoho-Rufen, danach ist da die grosse Szene mit Wotan mit den Einwürfen von Brünnhilde, bei denen man die Spannung bewahren muss und dann ist da ja im zweiten Aufzug noch die sehr affektbetonte Todesverkündung. Und schliesslich erfordert der 3. Aufzug ganz viele musikalische Farben, wie bei «War es so schmählich, was ich verbrach…? »

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Maestro Gianandrea Noseda am Opernhaus Zürich, vor dem Hintergrund Wagner mit einem italienischen Dirigenten zu erarbeiten, erlebt?

Es war eine sehr positive Erfahrung. Maestro Noseda und ich kennen uns von unserer Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern bei den Vier letzte Liedern und den BBC Proms in London mit der Missa Solemnis. Dann haben wir hier in Zürich bei Tristan und Isolde im vergangenen Sommer zusammengearbeitet. Maestro Noseda hat grosse Erfahrungen im italienischen Repertoire und hat vor Wagners Werk sehr viel Ehrfurcht. Er möchte, dass jede Vorstellung etwas ganz Besonderes wird. Sein Zugang als Italiener ist vor diesem Hintergrund sehr inspirierend. Wagner selbst war ja von den italienischen Gesangslinien von Vincenzo Bellini sehr beeinflusst und fasziniert. So können wir gemeinsam den Text hervorheben, der Wagners wunderschönen Melodien zu Grunde liegt, so können wir Sprache und Musik zu einer Einheit verschmelzen lassen. Wagner verwendet immer die gleichen Konsonanten wie «leuchtende Liebe», «nagender Neid» oder «hehrster Held». Das gibt mir die Möglichkeit, die Rolle textlich und musikalisch zu gestalten. Dabei bringen die Konsonanten vor allem Ausdruck, die Vokale bringen hingegen musikalisch weiter voran.

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Kaija Saariaho – Émilie - Photo by Stefan Bremer
Sie sind dieses Jahr als Elsa in Lohengrin in Bayreuth aufgetreten, nun singen Sie in Zürich die Brünnhilde in einem «regulären Opernhaus». Stellt das einen grossen Unterschied für Sie dar?

Auf jeden Fall! Die Bühne des Bayreuther Festspielhauses wurde schliesslich vom Komponisten selbst für sein Werk konzipiert, insbesondere bekanntlich ja für die Aufführung von Parsifal. Den besonderen akustischen Effekt, der durch das Holz des Festspielhauses aufkommt, kann man natürlich in Zürich in dieser Form nicht erreichen. Die Akustik im Opernhaus ist eher trocken und hängt teilweise von dem Ort ab, an dem man positioniert ist oder wo man sich im Zuschauerraum befindet. Ich singe seit 2011 in Bayreuth. Damals habe ich die Elisabeth im Tannhäuser gesungen und bin 2017 als Sieglinde, sowie 2019 als Eva und Elsa zurückgekehrt. Dann durfte ich 2020, im ersten Corona-Jahr, als die Festspiele abgesagt wurden, unter Christian Thielemann ein Konzert mit den Wesendonck-Liedern geben und 2021 noch einmal in der berührenden Produktion der Meistersinger auftreten. Es war für mich immer eine besondere Erfahrung, an diesem Ort zu singen.

Sie haben bereits angesprochen, dass Sie mit der aktuellen Inszenierung der Walküre in Zürich sehr glücklich sind. Häufig ist es allerdings so, dass sowohl das Publikum, als auch die Sänger mit der Opernregie unzufrieden sind und diese den Zugang zur Oper eher erschweren. Wie stehen Sie dazu?

Über das Thema Opernregie ist bereits unendlich viel gestritten worden und man kann diese Diskussionen stundenlang weiterführen. Für mich als Sängerin ist es wichtig, sich in einer Inszenierung wohlzufühlen, auch wenn ein Regisseur darin Mut zur Hässlichkeit zeigt. Schliesslich suchen manche Regisseure gerade darin Schönheit. Allerdings scheinen sich aktuell die Prioritäten der Opernhäuser zu verschieben und die Frage, wie man das Publikum ins Theater bekommt scheint aktueller denn je. Ich bin gespannt, wie die Reaktionen der Intendanten auf die derzeitige Situation nach der Corona-Krise und der beginnenden Energiekrise ausfallen werden. Denken Sie nur an den Spielzeit-Beginn an der Wiener Staatsoper. Dort wurde nach der Absage der vorgesehenen Sänger und eher schleppendem Vorverkauf die geplante Wiederaufnahme von La Juive abgesagt und stattdessen die wunderschöne, aber sehr alte Inszenierung von La Bohème durch Franco Zeffirelli mit Anna Netrebko ersetzt. In diesem Sinne scheinen sich die Häuser in gewisser Weise zunehmend absichern zu wollen. Eine ähnliche Reaktion kann man auch bei der Verkleinerung von Ensembles wahrnehmen. Dieses wurde z.B. in Helsinki ganz abgeschafft, dort werden die kleineren Partien nun von den Chorsängern übernommen.

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Tchaikovsky – Eugene Onegin – Tatjana - Photo by Jochen Quast
Ich habe Sie unmittelbar vor dem ersten Lockdown hier in Zürich im März 2020 noch in Arabella als Einspringerin erleben dürfen. Wir haben Sie diese Vorstellung und die folgende Corona-Krise erlebt?

Das war in der Tat die letzte Vorstellung, bevor das Opernhaus Zürich im ersten Lockdown geschlossen wurde. Ich hatte im Dezember 2019 mein erfolgreiches Debut als Marschallin an der Met und hatte im Anschluss in Berlin weitere Proben für den Rosenkavalier unter Zubin Mehta. Dazwischen bin ich noch als Eva in Dresden eingesprungen und habe die Gurre-Lieder einstudiert. In dieser Zeit war das Virus bereits in den Nachrichten und es gab erste Anzeichen, dass eine grössere Krise folgen könnte. In dieser Zeit kam dann der Anruf, ob ich in Zürich kurzfristig als Arabella einspringen könne. Ich bin von Dresden über Frankfurt am Main nach Zürich geflogen. In Frankfurt war der Flughafen bereits leer und insgesamt war da eine ganz seltsame Stimmung. In Zürich konnte ich die Vorstellung dann noch regulär singen, habe aber im Parkett grosse Lücken bemerkt. Viele waren verunsichert. Am nächsten Tag bin ich dann zu meiner Familie nach Wien weitergereist und an diesem Freitag kam dann die Ansage, dass alles geschlossen wird und man die Grenze nicht mehr passieren kann. Wir haben dann Wien fast fluchtartig verlassen und sind über Bayreuth, wo wir bei Freunden geschlafen haben, zurück nach Dresden. Ich musste in den Jahren 2020 und 2021 in der Folge aufgrund der Lockdowns so viele schöne geplante Aufführungen absagen. Das hat auch meine Rückkehr an die Bayerische Staatsoper als Senta und Ariadne betroffen, wo ich seit 2007 nicht mehr aufgetreten war. Ich habe dann 2021 dort vor dem leeren Haus die Vier letzten Lieder gesungen. Diesen Sommer folgte dann meine szenische Rückkehr als Kaiserin in Die Frau ohne Schatten und ich freue mich darauf, dort 2023 die Salome zu singen.  Ich hoffe, dass ich in diesem Sinne wieder eine Normalität einpendeln wird und denke insgesamt, dass die lange Zwangspause nicht unbedingt nur gut für die Stimmen von uns Opernsängern gewesen ist.

Mit Christian Thielemann verbindet Sie mittlerweile eine regelmässige Zusammenarbeit?

Es hat eigentlich eine Weile gedauert, bis wir zusammengefunden haben. Ich habe 1997, als er noch Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin war, unter seiner Leitung die Gräfin in Le Nozze di Figaro gesungen. Danach gab es eine längere Pause, bis er mich in Dresden als Richard Strauss‘ Daphne gehört hat und völlig begeistert war. Es folgten gemeinsam die Missa Solemnis und Strauss` Geburtstagskonzert mit wiederum dem Schlussgesang der Daphne und der Staatskapelle Dresden. Dann kam es zu einem gemeinsamen Auftritt mit Tannhäuser in Bayreuth 2012. Nach einer erneuten längeren Pause, haben wir uns dann bei der Zusammenarbeit für die Frau ohne Schatten an der Wiener Staatsoper gefunden. Auch die Zusammenarbeit bei der Wiederaufnahme war wunderbar. Wir haben in der Folge gemeinsam Elsa im Lohengrin und Eva in den Meistersingern gemacht. Ein Highlight war auch das gemeinsame Konzert mit dem Scala-Orchester in Milano, bei dem Thielemann an der Scala in Milano eingesprungen ist. Das war eine grosse und freudige Überraschung. So haben wir gemeinsam viele Projekte und Konzerte geplant.

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Strauss – Rosenkavalier – Marschallin - Photo by Ruth Walz
Haben Sie weitere Pläne für Zukunft? Gibt es der vielleicht auch Rollen ausserhalb des deutschen Faches, die Sie anstreben zu singen?

Aktuell konzentriere ich mich, vor allem was neue Partien betrifft, auf den Ring, das heisst auch auf die Brünnhilden in Siegfried und Götterdämmerung. Ich werde aber in Wien, wo ich seit meinem Debut als Salome 2005 so viele Rollen von Mozart, Wagner und Strauss gesungen habe, demnächst die Tosca singen und freue mich, in dieser Rolle weiter aufzutreten. Auch eine Turandot könnte ich mir gut vorstellen. Grundsätzlich wäre auch die Aida möglich. Die Höhe dafür habe ich. Ich würde mich auch vermehrt über italienischer Rollenangebote freuen. Birgit Nilsson hat das sehr geschickt gemacht. Sie hat für jeden Ring in dem sie aufgetreten ist, auch im Gegenzug Angebote italienischer Rollen gefordert….

Frau Nylund, herzlichen Dank für dieses interessante Interview.

Marco Aranowicz

Nylund
Korngold – Die Tote Stadt – Marietta - Photo by Stefan Bremer
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Marco Aranowicz

DEPUTY CHIEF EDITOR AND REVIEWER

MARCO ARANOWICZ IS BASED IN ZURICH. HE IS GOING TO THE OPERA SINCE THE AGE OF TEN, AND HE LIVES FOR THE GREAT ITALIAN OPERA REPERTORY.

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