Simon Boccanegra ist eine Oper mit einem Prolog und drei Akten von Giuseppe Verdi über ein italienisches Libretto von Francesco Maria Piave, basierend auf dem Stück Simón Bocanegra (1843) von Antonio García Gutiérrez, dessen Stück El trovador die Grundlage für Verdis Oper Il trovatore von 1853 war. Besuchte Aufführung: Salzburger Festspiele, 18. August 2019.

Luca Salsi: Simon Boccanegra
Marina Rebeka: Amelia Grimaldi
René Pape: Jacopo Fiesco
Charles Castronovo: Gabriele Adorno
André Heyboer: Paolo Albiani
Antonio Di Matteo: Pietro
Long Long: Hauptmann

Musikalische Leitung: Valery Gergiev
Regie: Andreas Kriegenburg
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
Wiener Philharmoniker

Musik:
Regie:

Endlich was Neues – oder: Wie man Spannung gekonnt zerstört

Unmöglich! Da möchte so ein unbekannter Nichtskönner namens Giuseppe Verdi eine Oper im Genua des 14. Jahrhunderts ansiedeln. Geht gar nicht! Das muss man ändern. Schließlich kann man Oper nur verstehen, wenn sie aus dem ursprünglichen Kontext gerissen und für das geistig minderbemittelte Publikum „modernisiert“ wird.

Also geht Andreas Kriegenburg ans Werk. Hach, endlich was Modernes! Graue und blaue Anzüge für die Protagonisten (noch nie gesehen!), Smartphones für alle (noch nie gesehen!), eine sterile Bühne mit weißen Wänden und einem weißen Vorhang (noch nie gesehen!), Protagonisten, die – wie unter Drogen – zusammenhanglos durch den weiten Raum wandeln, tänzeln oder schleichen (noch nie gesehen!). Hach, endlich mal was Neues!

So krampfhaft und doch so langweilig, effektlos und widersprüchlich wie in Salzburg habe ich es allerdings schon lange nicht mehr gesehen.

Simon Boccanegra
Simon Boccanegra 2019: Antonio Di Matteo (Pietro), André Heyboer (Paolo Albiani), Ensemble © SF/Ruth Walz

Die ersten grauen Anzüge und Mobiltelefone erlebte ich bereits in den 1990er-Jahren in einer La Traviata (auch von diesem Nichtskönner Giuseppe Verdi) in Linz. Aber damals war es wenigstens durchgängig „modern“. In Salzburg hingegen darf der Doge Simon Boccanegra, die Titelfigur der Oper, zwar mit Smartphones fotografiert und mit an die Wand projizierten (unglaublich ablenkenden) „Tweets“ bombardiert werden, aber den Säbel aus dem 14. Jahrhundert braucht man trotzdem. Ebenso wird der bedauernswerte Paolo nicht standesgemäß via „Social Media“ hingerichtet, sondern muss ganz alleine mit einem mittelalterlichen Strick um den Hals über die Bühne laufen, bevor er an den Beinen weggezerrt wird.

Warum Amelias Hofdamen mit den top-modernen Tablets allesamt wie graue Büromäuse aus den 1940er-Jahren wirken müssen, weiß wohl niemand. Aber egal, Hauptsache „modern“.

Dass die Aufführung des Simon Boccanegra nicht vollends von gähnender Langeweile und öder Ausdruckslosigkeit verschluckt wird, liegt vor allem an den Sängern. Sie leisten Beachtenswertes, indem sie die packende Musik und die knisternde Spannung, die dieses Werk eigentlich aufwiese, trotz allem (und das ist eine echte Leistung!) immer wieder durchblitzen lassen können. Was hätte es für ein Abend sein können, hätte man ihnen den richtigen Rahmen und eine adäquate Personenregie gegeben!

Die Sänger retten, was zu retten ist

Luca Salsi repräsentierte den Dogen Simon Boccanegra eindrucksvoll stimmstark, wenn ich auch in einigen Szenen – etwa in der Konzilszene – eine weichere und rundere Intonation bevorzugt hätte.

Manches klang zu wuchtig und kantig, um dogengerecht elegant zu wirken. Dass er auch anders kann, zeigte er etwa im Vater-Tochter-Duett, als er ein fein ziseliertes „Figlia“ produzierte, dass einen die Luft anhalten ließ.

Als sein Gegenspieler hatte René Pape am 15. August dieses Jahres in der Rolle des Fiesco debütiert. Auch dieser Koloss der Oper litt unter der nicht vorhandenen Personenregie. Der Arme musste die meiste Zeit irgendwo im Abseits herumstehen. Sein grauer Anzug „alterte“ vom Prolog bis zum Ende der Oper zu einem schwarzen Trenchcoat.

 

Klangschönheit und Reinheit

Seine Stimme hingegen beeindruckte zutiefst. Er spielte seinen vollen, runden, satten Bass gekonnt aus, dröhnte mächtig in seinem Furor und spielte mit zarten, verhaltenen Nuancen in den emotionalen Momenten. Gelegentlich versuchte der „Wagnerianer“ in ihm sich seinen Weg aus der Kehle zu bahnen, aber niemals war dieser Versuch störend. René Pape wächst rasch auch in dieser neuen Rolle zu gewohnter Größe.

Amelia Grimaldi – Marina Rebeka – war für mich zweifellos der Höhepunkt des Abends. Die bildhübsche Lettin verfügt über eine außerordentliche, große Stimme. Mit spielerischer Leichtigkeit übertönte sie Chor, Orchester und Ensemble. Vor allem aber waren ihre leisen Töne von betörender Klangschönheit und Reinheit, was durch mühelose und sauber gestaltete Übergänge noch eindrucksvoller wirkte. Da war nichts „geschludert“ oder geschummelt, jede Note saß klar, lang und silbrig glänzend.

Simon Boccanegra
Simon Boccanegra 2019: Marina Rebeka (Amelia Grimaldi), Charles Castronovo (Gabriele Adorno) © SF/Ruth Walz

Ihr Geliebter wurde von Charles Castronovo gesungen. Während er mich in früheren Vorstellungen (z. B. als Alfredo in La Traviata oder als Postmann in Il Postino) nicht ganz überzeugen konnte, gefiel er mir als Gabriele Adorno wesentlich besser. Sein leicht bronzenes Timbre konnte er in dieser Rolle gut zur Geltung bringen, und wenn er die Stimme öffnete, brillierte er auch in der Höhe mit sicherer Stärke, wenngleich nicht immer ganz ohne Vibrato. Leidenschaft und schmachtendes Pathos, bestens zur Rolle passend, machten das allerdings zur Gänze wett, sodass der Gesamteindruck sehr gut war.

Etwas farblos und im Hintergrund blieb Paolo, André Heyboer, was zu einem Gutteil vermutlich auch der nicht vorhandenen Personenführung geschuldet war, was aber auch an seiner etwas rauen und nicht so kräftigen Stimme lag. Sogar Antonio de Matteo, der die kleinere Rolle des Pietro sang, überzeugte mich stimmlich wesentlich mehr und hinterließ bei seinen kurzen Auftritten einen bleibenden Eindruck. Eine Stimme, die man sich merken sollte!

Im Gegensatz zur lahmen Inszenierung stand das feuerwerk-ähnliche Dirigat. Die Wiener Philharmoniker wurden von Valery Gergiev zu spannungsgeladenem Tempo angetrieben. Gelegentlich dominierte die Lautstärke, um kurz darauf wieder leisere, farbenreiche Passagen umso intensiver zur Geltung kommen zu lassen. Für die Sänger sicherlich schwierig – für die Zuhörer aber aufregend-dynamisch.

 

Geänderter Text

Ob gelegentliche Disharmonien zwischen Bühne und Orchestergraben dem geänderten Text (!) geschuldet waren oder musikalischen Missverständnissen, wage ich nicht zu beurteilen. Mich jedenfalls schmerzten fehlende Textstellen und einfach ausgelassene Übersetzungen in den Übertiteln.

Aber vielleicht ist das ja auch „modern“ …

 

Gabi Eder (publiziert am 19. August 2019)


Gabi Eder
Gabi Eder

Reviewer

Musical education: flute, singing in a chorus (under the baton of composer Johann Krebs). Started out as a newspaper and radio journalist. Favourite composers are Verdi and Wagner.

1
Reageer op dit artikel

avatar
1 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
0 Comment authors
Recent comment authors
  Subscribe  
nieuwste oudste meest gestemd
Abonneren op
trackback

[…] Marina Rebeka, who is currently singing Amelia in Verdi’s Simon Boccanegra (see review) at Salzburg Festival. And she had a lot to […]