Liebe und Tod – Die vom Weg Abgekommene

La Traviata. Giuseppe Verdi. Oper in drei Akten. 1853. Libretto von Francesco Maria Piave, nach dem Theaterstück La Dame aux camélias von Alexandre Dumas fils. Uraufführung im Teatro La Fenice, Venedig, am 6. März 1853.
Komische Oper. Berlin. 30. November 2019.
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Violetta Valéry: Natalya Pavlova
Flora Bervoix: Maria Fiselier
Annina: Marta Mika
Alfredo Germont: Ivan Magrì
Giorgio Germont: Günter Papendell
Gastone: Ivan Turšić
Barone Douphol: Dániel Foki
Marchese d’Obigny: Carsten Sabrowski
Dottore Grenvil: Philipp Meierhöfer
Ein Kommissionär: Changdai Park
Giuseppe: Alexander Fedorov

Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis
Inszenierung: Nicola Raab

 

Muziek:
Regie:

Liebe und Tod – Die vom Weg Abgekommene

Sie begann ihr Leben als Arbeiterin in einer Wäscherei und Regenschirmfabrik und wurde zu einer der berühmtesten Prostituierten. Zu ihren Liebhabern zählten Fürsten, Diplomaten, Künstler, darunter Théophile Gautier, Franz Liszt und Alexandre Dumas jr. 1847 starb Marie Duplessis in Paris mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren an Tuberkulose. Ihren richtigen Namen kennen heute nur wenige, aber der von ihr verschmähte Dumas setzte ihr literarisch ein Denkmal und machte sie unsterblich als La dame aux camélias, die Kameliendame. Das Buch wurde ein Bestseller, sein Autor dadurch reich und es inspirierte Giuseppe Verdi zu einer seiner bekanntesten Schöpfungen: La traviata. Zu den berühmtesten Interpretinnen der Titelpartie gehören Maria Callas, Montserrat Caballé, Edita Guberová und Anna Netrebko. Franco Zefirelli inszenierte das Stück an der New Yorker Met mit Placido Domingo. Auch auf der Bühne wurde es ein großer Erfolg. Sarah Bernhardt und Eleonora Duse feierten darin ihre größten Triumpfe

La Traviata
La Traviata. Foto: Iko Freese - drama-berlin.de

Zum Zeitpunkt der Uraufführung 1853 war das Thema ein Novum. Eine Kurtisane als Titel-figur einer Oper hatte es zuvor noch nicht gegeben. Doch Violetta ist weit mehr als das. Sie ist eine finanziell unabhängige Frau voller Sehnsucht und Träume, die aus Liebe selbstlos auf ihr eigenes Glück verzichtet. Verdis Melodramma wurde bis heute eine der meistgespielten und erfolgreichsten Opern überhaupt und bereitete ähnlichen Themen wie Bizets Carmen zweiundzwanzig Jahre später den Weg. Dabei war der Start holprig. Bei der Uraufführung im Teatro La Fenice überzeugte die Sopranistin, doch einer der Sänger war seiner Rolle nicht gewachsen. Kein Wunder, hatte der Komponist doch bis Mitte Januar noch an der Oper Il trovatore, die am 19. Januar in Rom Uraufführung hatte, gearbeitet. Bis dahin gab es für die gut sechs Wochen später geplante Aufführung des Auftragswerkes La Traviata außer einigen Arienskizzen nichts. In aller Eile beendete Verdi die Partitur, so dass Sängern und Musikern keine Zeit blieb, die schwierigen Partien ausreichend zu studieren. Das Publikum in Venedig war auch zum Teil enttäuscht, weil die Musik weniger schwungvoll als Verdis frühere Werke war. Statt lodernder Leidenschaft bekommen wir Einblick in die Seelenqualen einer Todgeweihten. Verdi hatte überlegt, die Oper Liebe und Tod zu nennen.

Der Komponist erzählt, aber er verurteilt nicht

Bei der Premiere in der fast ausverkauften Komischen Oper wussten am Sonntagabend alle drei Titelpartien zu überzeugen. Die bildschöne Natalya Pavlova verzauberte bereits das Publikum als Violetta im Mai in der Concert Hall von Honolulu. Die mehrfach ausgezeichnete Sopranistin gehört zu den großen Nachwuchskünstlern aus dem Ensemble des renommierten Mariinsky Theatre in St. Petersburg. Ihre Stimme klingt frisch und kraftvoll zugleich. Ein ihr ebenbürtiges Gegenüber ist der italienische Tenor Ivan Magrì als große Liebe Alfredo. In der Partie ist er ein Routinier, sang die Rolle bereits 2017 am Ort der Uraufführung und in Moskau, sowie im letzten Jahr im Nationaltheater Lissabon. Ensemblemitglied Günter Papendell in der Rolle des um seine Familie besorgten Vaters Giorgio Germont ist zu jung, zu schlank, zu gutaussehend, aber gesanglich das Highlight des Abends. Der 44-jährige Bariton hat längst seine eigene Fangemeinde an der Komischen Oper.

Sein warmer und zugleich kraftvoller Gesang, nuanciert, sicher, jeden Ton genauestens treffend, reißt das Publikum am Premierenabend mit. Fast singt er die beiden Liebenden an die Wand. Am Schluss steht er überglücklich und gerührt auf der Bühne und freut sich sichtlich über den ihm geltenden, nicht enden wollenden Jubel.

Käuflich, unverkäuflich, unbezahlbar

Das Besondere der Oper besteht darin, dass erstmals das Schema der italienischen Oper gebrochen wird. Massenbilder im Wechsel mit intimen privaten Soli und Duetten waren bis dahin üblich. Verdis Musiksprache entwickelt sich vom Nachfolger der Belcanto-Komponisten Donizetti, Bellini und Rossini zum Begründer des romantischen italienischen Musikdramas mit psychologischen Charakterisierungen. Für Violetta erfindet er einen Gefühlsausbruch anstelle einer Arie. Man kann ihre Not spüren. Sie verzichtet, obwohl sie sich nach dem Geliebten verzehrt, erfüllt den Wunsch seines Vaters, der Angst hat, die „reine“ Tochter könnte verlassen werden, wenn der Bruder mit einer ehemaligen Dame der Halbwelt zusammenlebt. Violetta will nicht, aber sie wird ihn verlassen, während sie ihn immer wieder bittet, sie zu lieben. „presso a te sempre, sempre sempre presso a te“ und ihn auffordert „Liebe mich Alfredo, so sehr wie ich dich liebe.“ Sie leidet doppelt, weil sie den Einzigen betrügt, der sie wirklich liebt, indem sie ihn in der Sicherheit ihrer Liebe wiegt.

Natürlich lässt er sie nicht einfach gehen, folgt ihr, leidet, als er sie findet. Tief verletzt beleidigt er sie vor großer Runde, wirft ihr Geld vor die Füße. Da erklärt ihm sein Vater, warum sie ihn verlassen hat. Alfredo eilt zu ihr, bekennt sich zu seiner Liebe, bittet sie um Vergebung und für einen kurzen Moment glaubt sie noch einmal an ein Happy End, bevor sie in seinen Armen stirbt.

Natalya Pavlova. Copyright natalyapavlova.ru
Natalya Pavlova. Copyright natalyapavlova.ru


Liebe, Schmerz, Verachtung, Hoffnung, Verzweiflung, Tod

Die Komische Oper führt das Werk erstmals in italienischer Sprache auf. Nicola Raab konzentriert sich in ihrer Inszenierung ganz auf die Person der Violetta. Bühnenbild (Madeleine Boyd) und Kostüme (Annemarie Woods) wechseln zwischen reduziert-kargem Loft und dem Ambiente des 19. Jahrhunderts. Jetzt und Damals, Zurschaustellung und Voyeurismus, viral multipliziert am Mac, plüschige Erotik in der Welt der Kurtisanen, eine moderne Sexarbeiterin bei der Arbeit im digitalen Raum, der man dabei zuschauen soll, wie sie sich zur Schau stellt. Leider glückt das so gar nicht. Schon der erste Auftritt Violettas floppt. Eher einer strengen Sekretärin gleich stampft sie unverhofft auf die noch helle Bühne, holt ein Röntgenbild aus ihrem Koffer, darauf deutlich zu sehen die Schatten auf ihrer Lunge. Sie entledigt sie sich ihrer Jacke auf einem Schreibtischstuhl vor dem Computer sitzend. Erotik funktioniert anders. Wer das Programmheft gelesen und Interview mit Nicola Raab online gesehen hat, kann erahnen, wie sie verschiedene Ebenen verweben will, Slip-Dress ohne BH, mal Reifrock, dann Aktenkoffer, die treue Dienerin Flora im karierten Anzug mit modisch grauer Kurzhaarfrisur. Das ist banal, gewollt und leider wenig sinnlich.

Die heutige Moral ist eine andere als um 1850. Die Einsamkeit einer Frau, der man sagt, dass sie bald sterben wird, ist immer unermesslich. Die Diagnose einer tödlichen Krankheit verändert alles. Schlagartig bricht eine Welt zusammen. Von Todesangst getrieben, flieht eine Frau „in Imaginationen und trifft auf die Bewohner ihrer eigenen … Phantasiewelt, durchlebt die größten Gefühlsregungen der Menschen.“  Ausschnitte aus dem Film mit Greta Garbo und Robert Taylor werden auf einen weißen Vorhang projiziert. Auch das ist nicht neu, aber ein zumindest optisch eine schöne Ergänzung.

Autonomie und Emanzipation bis in den Tod

Die Geschichte vom Lieben und Scheitern einer »skandalösen« Beziehung und die Begeisterung darüber hält bis heute an. Weil es trotz Scheitern und Tod auch ein Sieg ist. Die einst zum Sexobjekt Degradierte erfährt Anerkennung, wird bis zum letzten Atemzug geliebt. Alfredos Vater umarmt sie und stellt sie mit der eigenen reinen Tochter auf eine Stufe. Sie stirbt nicht allein, sondern selbstbestimmt. Verdi hat aus dem eher trivialen Roman ein Kunstwerk von auch heute noch großer Aktualität geschaffen. Liebe ist und bleibt die größte Kraft der Oper.

Minutenlanger Applaus für drei grandiose Sänger, das Orchester unter Ainar Rubikis und den etwas kleineren, aber nicht weniger gelungenen Part ihrer Dienerin, Mezzosopran Marta Mika.

Daniela Debus (4-12-2019)

 Weitere Aufführungen am 7., 13., 17., 20. und 23.12.2019

La Traviata

Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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