Simon Boccanegra ist eine Oper in einem Prolog und drei Akten von Giuseppe Verdi. Die Uraufführung der ersten Fassung fand am 12. März 1857 im Teatro La Fenice in Venedig statt. Eine überarbeitete Fassung wurde erstmals am 24. März 1881 im Teatro alla Scala in Mailand gespielt. Besuchte Aufführung 09/07/2019.

Simon Boccanegra: Plácido Domingo
Maria (Amelia Grimaldi): Tatiana Serjan
Jacopo Fiesco: Ferrucio Furlanetto
Gabriele Adorna: Otar Dzhordzhikia
Paolo Albiani: Roman Burdenko
Solisten, Chor und Orchester des Mariinsky Theaters

Musikalische Leitung: Valery Gergiev
Regie: Andrea De Rosa

Muziek:
Regie:

Evviva il Doge – „Hoch lebe der Doge“ ruft das Volk im ersten Akt von Verdis Simon Boccanegra, und das begeisterte Publikum im Festspielhaus Baden-Baden stimmte beim Schlussapplaus donnernd mit ein.

Domingo ad una voce

Der Doge war der eindeutige Star dieser einmaligen Gastvorstellung des St. Petersburger Mariinsky-Theaters: „Domingo ad una voce“.

Seit er 2009 die Rolle zum ersten Mal gesungen hat, hat sich Plácido Domingo sie mehr und mehr zu eigen gemacht. Betritt er die Bühne, gehört sie ihm auch schon. Seine Bühnenpräsenz ist legendär. Ein Sängerkollege meinte einmal: „Auch, wenn du ihn nicht sehen kannst, du spürst es sofort, wenn er da ist. Unheimlich stark.“

Unheimlich stark – das war er auch an diesem 9. Juli. Das Timbre blieb über die 6 Jahrzehnte (!) seines Wirkens stets unverkennbar, doch die Natur und solide Technik haben aus dem einst bronzefarbenen Tenor nun einen goldfarbenen Bariton geformt. Die Kraft seiner Stimme erscheint schier übernatürlich stark, und man kann nicht glauben, dass er in zwei Jahren 80 werden soll. Er sang – trotz immer noch latenter Nachwirkung einer Erkältung – mit Leichtigkeit, verdianischer Eleganz und durchdringendem Fortissimo. Dank seiner Stütztechnik drang selbst sein zärtlich gehauchtes „Figlia“ bis in den letzten Winkel des Hauses, ging direkt unter die Haut – und mitten ins Herz. Und dort blieb sie und tat ihre Wunder, bis zu des Dogen letztem Atemzug.

Simon Boccanegra
Simon Boccanegra & Ensemble. (Foto Andrea Kremper)

Prickelnder Kampf der Giganten

Einen ebenbürtigen Gegner hatte er in Fiesco, gesungen von einem stimmgewaltigen Ferruccio Furlanetto. Auch er machte dank seiner jahrzehntelangen Bühnenerfahrung aus jedem Auftritt ein Erlebnis. Wenn die beiden charismatischen Titanen der Opernwelt gemeinsam auf der Bühne stehen, sind das einzigartige Momente, in denen man, nur noch ergriffen und dankbar, geballte Naturgewalten im Doppelpack hören und fühlen kann.

Simone Boccanegra
Maria & Simon Boccanegra. (Foto Andrea Kremper)

Erfrischend starke Jugend – mit einem Aber …

Daneben haben es natürlich junge, unbekannte und unerfahrene Sänger besonders schwer, sich zu behaupten. Eindrucksvoll gelungen ist dies allerdings Tenor Otar Dzhordzhikia als Gabriele Adorno. Mit einem wunderschönen, weichen, leicht goldenen Timbre, makelloser Stimmsicherheit auch in den Höhen, einem guten Gefühl für Dynamik und leidenschaftlichem Spiel eroberte auch er mühelos die Herzen (und Ohren) des Publikums.

Ebenso hervorstechend: Roman Burdenko, der dem fiesen Paolo Gewicht und Charakter verlieh. Sein kräftiger, klar geführter Bariton verdient eine besondere Erwähnung. Auch die „kleinen Rollen“ (Olga Legkova als Dienerin Amelias, Gleb Peryazev als Pietro und Mihail Makarov als Hauptmann) waren mit feinen Sängern besetzt.

Als Einzige, die für mich nicht in diese klangschöne Einheit passte, muss leider Amelia (Tatiana Serjan) erwähnt werden. Ihr herber Sopran schien durch ihre offensichtliche Aufgeregtheit gelegentlich unkontrollierbar. Mit brüllender Lautstärke zerstörte sie damit das zärtlich und fragil gewobene Klanggespinst ihrer Kollegen in manchen Ensembleszenen und Duetten. Wäre es Wagner gewesen, hätte sie problemlos die Walküren singen können ­– alle auf einmal. Aber es war eben ein gefühlvoller Verdi angesagt, und da wirkte sie auf mich eher verstörend denn unterstützend.

Russische Leidenschaft trifft Verdi – mit Gefühl

Am Pult führte Valery Gergiev das ausgezeichnete Mariinsky-Theater-Orchester an. Besonders in leisen Streicherpassagen faszinierte er mich mit ungewöhnlichem Feingefühl für Nuancen, und auch kleine Ungenauigkeiten im Tempo – ob mit Absicht oder nicht, lässt sich nicht sagen – empfand ich nicht als nachteilig, sondern als dynamisch und aufregend farbig. Ein spannendes Dirigat mit großer Wirkung! Eindrucksvoll auch die tadellose Leistung des Chores (Leitung: Andrei Petrenko), der manchmal in ungewöhnlich kleiner Besetzung, doch dafür umso prägnanter auftrat!

Simon Boccanegra
Simon Boccanegra & Fiesco. (Foto Andrea Kremper)

Herrlich historisch, zurückhaltend zart

Mit dem Genuss für die Ohren ging auch ein solcher für die Augen einher. Die Inszenierung von Andrea de Rosa (Kostüme: Alessandro Lai, Lichtdesign: Pasquale Mari) ist eine Produktion des Mariinsky-Theaters und des Teatro la Fenice in Venedig. Obwohl die Idee mit einer Videoprojektion des Meeres im Hintergrund nicht neu ist, entfaltet sie doch hier durch geschickte Änderungen der Beleuchtung mehr Wirkung als sonst. Historisch passende Kostüme und spärliches, aber adäquates Mobilar (Bank, Thron) vor einer einzigen Rückwand, die durch sich ändernde Öffnungen die unterschiedlichen Örtlichkeiten darstellt, sind eine Wohltat für das Auge; nicht überfrachtet, aber auch nicht verfremdet.

Noch mehr Drama, Baby!

So sehr ich normalerweise strikter Gegner davon bin, in Originale einzugreifen, muss ich zugeben, dass ich hier den einzigen Eingriff, den sich Regisseur de Rosa erlaubte, mit Wohlgefallen tolerierte: Er ließ den Geist der früh verstorbenen Geliebten Maria in Form einer Statistin durch jene Szenen gehen, in denen sie entscheidenden Einfluss auf den dramatischen Verlauf hatte. Was in München bei Günter Krämers La Traviata mit Alfredos „Schwester“ absolut deplatziert wirkte, verstärkte hier das Drama. Maria „spielt“ im Original zwar nicht wirklich mit, aber sie ist dennoch eine Schlüsselfigur in der Oper, um die sich die ganze Tragödie entfaltet. Als am Ende der sterbende Doge Domingo mit letzter Kraft sein alles durchdringendes, unendlich zärtliches „Maria“ hauchte und auf seine für das Publikum normalerweise unsichtbare Geliebte zuging, so stand diese hier bereit, um den Toten schließlich in ihren Schoß zu betten. Die Wirkung blieb nicht aus. Man hörte aus dem Zuschauerraum erst Totenstille, dann Tränen und Schluchzen und schließlich tosenden Beifall. Absolut verdient!

Gabi Eder (publiziert am 12. Juli 2019)

Opera Gazet
Gabi Eder
Gabi Eder

Reviewer

Musical education: flute, singing in a chorus (under the baton of composer Johann Krebs). Started out as a newspaper and radio journalist. Favourite composers are Verdi and Wagner.

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