Adriana Lecouvreur,  Oper in vier Akten von Francesco Cilea (1866 – 1950). Libretto von Arturo Colautti nach Eugène Scribe und Ernest Legouvé. Uraufführung am 6. November 1902 am Teatro Lirico in Mailand.
Konzertante Oper, Deutsche Oper Berlin, 04.09.2019.

 

Maurizio: Yusif Eyvazov
Der Fürst von Bouillon:Patrick Guetti
Der Abbé von Chazeuil: Burkhard Ulrich
Michonnet: Alessandro Corbelli
Adriana Lecouvreur: Anna Netrebko
Die Fürstin von Bouillon: Olesya Petrova
Mademoiselle Jouvenot: Vlada Borovko
Mademoiselle Dangeville: Aigul Akhmetshina
Quinault: Padraic Rowan
Poisson: Ya-Chung Huang

 

Musik:

Anna und Yusif erobern Berlin

Nur für sie sind alle gekommen und zahlten höhere Preise als sonst. Neugierig und voller Erwartung fieberte das Publikum an diesem Abend in der Deutschen Oper an der Bismarckstraße Anna Netrebko entgegen. Bayreuth und Salzburg hatte sie im Sommer abgesagt. Stattdessen waren Fotos von ihr mit Mann in Sotschi und im Bikini im Pool durch die Yellow Press gegangen. Ein Familiengeburtstag. Erschöpfung. Sie brauchte eine Pause. Ein wenig Angst schwang mit. Würde sie überhaupt kommen? Schon einmal erregte sie Aufsehen im Sommer 2007, als sie aufgrund von Stimmbandproblemen ihr Engagement bei den Salzburger Festspielen kurzfristig absagte. Am Mittwoch kam sie. Und ihr Auftritt gleich einem Vulkanausbruch.

Im grünen leicht transparenten bodenlangen Kaftan mit Strass am V-förmigen Ausschnitt und passenden Stirnband betrat sie die Bühne. Das Publikum hörte für einen Moment auf zu atmen. Absolute Stille. Der erste Ton. Die erste Arie. Man merkte sofort, die Pause hat ihr gut getan. Ausgeruht, braun gebrannt, erholt, strahlend schön und selbstbewusst sang sie sich durch den Abend und lief zur Höchstform auf. An ihrer Seite, ihr ebenbürtig, in der Rolle des Maurizio ihr Ehemann, der aus Aserbaidschan stammenden Tenor Yusif Eyvazov, der sich auf wenige Rollen überwiegend des italienischen Repertoires beschränkt und inzwischen nahezu perfekt Italienisch spricht.

AdrianaLecouvreur
Copyright: Bettina Stöß

Die Handlung

Die Schauspielerin Adriana Lecouvreur, Star der Comédie-Française, liebt den Grafen Maurizio. Ihre Rivalin ist die Fürstin von Bouillon. Beim Rendezvous bemerkt die Fürstin, dass sie ihren Geliebten verloren hat. Sie verschafft sich Gewissheit, wer ihre Nebenbuhlerin ist. Adriana erzählt sie, Maurizio sei verwundet worden. Adriana rächt sich, indem sie bei ihrem anschließenden Auftritt die letzten Zeilen eines Monologs aus Phèdre von Racine so betont, dass sie die verkommene Moral der Fürstin anklagt. An ihrem Geburtstag wartet Adriana zunächst vergeblich auf Maurizio. Unter ihren Geschenken findet sich ein Kästchen mit einem Veilchenstrauß. Adriana, die die Blumen für ein Abschiedsgeschenk ihres Geliebten hält, atmet ihren Duft ein. In Wahrheit ist aber die Fürstin die Absenderin, die die Blumen vergiftet hat. Als Maurizio erscheint, stirbt Adriana in seinen Armen.

Die Vorlage

Die Titelfigur hat es wirklich gegeben. Adrienne Lecouvreur galt zu ihrer Zeit als bedeutendste Schauspielerin Frankreichs. Sie hatte tatsächlich eine Affäre mit Moritz von Sachsen. Auch dessen Verhältnis mit der Duchesse de Bouillon ist belegt. Nach dem Tod Adrienne Lecouvreurs kursierte das Gerücht, sie sei vergiftet worden.

Hundert Jahre später bildet ihr Leben die Grundlage für ein Schauspiel von Eugène Scribe und Ernest Legouvé. Die Titelrolle in diesem Stück wurde unter anderem von Sarah Bernhardt und Eleonora Duse verkörpert.

In der Mailänder Uraufführung von Cileas Oper sang Angelica Pandolfini die Adriana, Enrico Caruso verkörperte Maurizio. Die deutschsprachige Erstaufführung fand am 15. November 1903 in Hamburg statt. Eine der bedeutendsten Sängerinnen der Titelpartie war die von Cilea hochgeschätzte Sopranistin Magda Olivero (1910–2014). Später brillierte u.a. Renata Tebaldi in dieser Rolle.

Anna Netrebko singt fast nur noch Rollen, in denen sie mit ihrem Mann auftreten kann, wählt Ort und Dirigenten sorgfältig aus. Sie kann es sich leisten. Es scheint, als hätte sie erst jetzt den Zenit ihrer Karriere erreicht und würde ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen. Die Stimme ist farbiger, weicher, voluminöser geworden. Ich war immer ein Fan von ihr in den tiefen Lagen, aber jetzt spielt sie mühelos und meisterhaft mit den Nuancen. Selbstbewusst genießt sie jeden Ton, lässt den Dirigenten langsam agieren. Sie weiß um ihre Wirkung und es ist ein Genuss, ihr zuzuhören. Im zweiten Akt verführt sie in Rot-Nuancen, opulent, mit vielen Volants, Straß, Pelz am Dekolleté. Sie spielt und setzt ihre Mimik ein, wissend um ihre Wirkung. Die Pause hat ihr gut getan. Weicher, sinnlicher und reifer ist sie geworden. Man kann sich an ihr nicht satt sehen. Noch einmal wechselt sie das Outfit. Auf sinnliches Rot folgt edles Schwarz. Tief dekolletiert, raffiniert geschnitten, ihre weichen Kurven betonend. Der Auftritt Anna Netrebkos in der konzertanten Vorstellung von Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ wird dem einer Operndiva gerecht.

Eyvazov Netrebko
Eyvazov & Netrebko Copyright: Bettina Stöß

Auch schwierigere Partien meistert sie an diesem Abend leicht und klangschön. Das dunkle Timbre ihrer Sopranstimme verführt. Hochdramatisch, lyrisch, perlend, virtuos. Es ließen sich noch viele Superlative nennen. Ihre Nebenbuhlerin, obwohl gesangsstark, verblasst. Auch die anderen Sänger sind perfekt besetzt. Eitel und polternd gibt Patrick Guetti den Fürsten von Bouillon, Vlada Borovko, Aigul Akhmetshina, Padraic Rowan und Ya-Chung Huang sind die Nebendarsteller in der Comédie Francaise, die Adriana zunächst missgünstig-fies belauern und später euphorisch feiern. Zum Zentrum des Geschehens aber wird Alessandro Corbelli, weil er die Rolle des Theaterinspizienten Michonnet zutiefst bewegend glaubwürdig spielt. Auch der Dirigent, das Orchester und der Chor sind ein Highlight.

Aber am meisten verzaubert die 1971 in Krasnodar geborene russische Sopranistin, die abwechselnd in Wien und New York lebt, an diesem Abend Kritiker und Publikum im ausverkauften Haus. Tosender Applaus und absolute Begeisterung. Ein Abend, der unvergesslich bleiben wird. Jetzt weiß man, Anna Netrebko kann noch viel mehr. Die Opernwelt hat eine neue „Primadonna assoluta“.

Daniela Debus (publiziert am 7. September)

 

Es gibt eine weitere Vorstellung am 7. September in der Dt. Oper. Restkarten an der Abendkasse.

Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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fred
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fred

hmm, a review without even mentioning the tenor’s effort………i thought Maurizio was a major tenor part