Don Quichotte, Comédie héroïque von Jules Massenet in fünf Akten. Libretto von Henri Cain nach dem Drama Le Chevalier de la longue figure von Jacques Le Lorrain sowie nach Miguel de Cervantes. Uraufführung am 19. Februar 1910 in Monte-Carlo. Besuchte Aufführung in der Deutschen Oper Berlin am 7. Juni 2019.
 

Don Quichotte: Alex Esposito
Sancho Pansa: Seth Carico
Dulcinée: Clémentine Margaine
Pedro: Alexandra Hutton
Garcias: Cornelia Kim
Rodriguez: James Kryshak
Juan: Samuel Dale Johnson

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Musikalische Leitung: Emmanuel Villaume
Inszenierung: Jakop Ahlbom

Muziek:
Regie:

Ein Ritter. Die Rüstung verbeult, der Knappe ein Bauer aus Andalusien, das stolze Pferd, eine abgemagerte Mähre. Doch eins ist nicht mit dem Mann verkommen und vergreist: Seine Ehre. Und seine Liebe zu den Menschen. Der Ritter von der traurigen Gestalt ist der letzte wahrhaftige Vertreter seiner Klasse. Ein Außenseiter. Ein großartiger Phantast. Ein Verrückter. Einer, der Dinge sieht, die andere nicht sehen können.

Für diesen scheinbar Naiven ergreift der Bourgeois Jules Massenet in seiner Oper Partei.

Seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1605 hat der Roman Don Quixote de la Mancha von Miguel de Cervantes von Stendhal über Heinrich Heine bis John Ruskin zahlreiche Schriftsteller, Philosophen und Psychologen fasziniert. Cervantes inspirierte Schiller zu seinen Räubern. Dostojewski erklärte es 1877 zum größten und traurigsten aller Bücher. Thomas Mann las es bei seiner ersten Atlantiküberquerung im Jahr 1934. Und auch heute noch führt es die Umfragen an, welchen Roman man auf eine einsame Insel mitnehmen möchte. Sowohl im Roman als auch in der Oper geht es um die Macht der Phantasie.

Don Quichotte
Maria & Simon Boccanegra. (Foto Andrea Kremper)

Die Handlung

Gleich vier Männer umschwärmen Dulcinée, als der schon in die Jahre gekommene Don Quichotte und sein Knappe Sancho Pansa erscheinen. Von der Menge gefeiert, weil er sich als Ritter ausgibt und Geld verteilt, von den Verehrern verspottet, erklärt Don Quichotte Dulcinée seine Liebe. Sie bittet ihn, ihre gestohlene Perlenkette von einer Räuberbande zurückzuholen.

So beginnt der erste von fünf Akten der in Spanien im Mittelalter spielenden Geschichte, der letzten Premiere in dieser Spielzeit an der Deutschen Oper.

Als das Orchester die ersten Töne zu spielen beginnt, sind wir verzaubert. Keine Gassenhauer, dafür wird die Oper leider zu selten aufgeführt, doch wunderbare Musik, die berührt, uns mitreißt, nie langweilig ist.

Katrin Bombe hat dazu auf der Bühne ein Ausflugslokal mit Bar aufgebaut, kühl in Grau-Blau-Tönen. Der Chor als Großaufgebot an Statisten davor an Resopaltischen zu beiden Seiten auf 50er Jahre Kunstleder genieteten Stühlen mit Metallbeinen sitzend. Lässig an der Bar gelehnt die Verehrer, attraktive Männer. Ulrich Niepel taucht je nach Tageszeit die Bühne in warme Gelb- oder kühle Blautöne zur Nacht. Aus der riesigen Sonne wird ein Vollmond. Tannen ziehen im Hintergrund an Fensterfronten vorbei. Das Lokal scheint eine Waldgaststätte zu sein. Der Ritter im blauen Anzug mit metallenen Schultern, silberglänzenden Boots und einem Visier, welches mehr an ein Krönchen zum Kindergeburtstag als an einen Helm erinnert. Er reitet auf seinem Pferd herein, welches zugleich sein Knappe ist. Hier ein Steckenpferd mit hochstehenden Plüschohren, liebem Gesicht und blondem Schweif. Ein riesiger Pappmaschee-Kopf spaziert über die Bühne, stellvertretend für die völlig falsche Selbstwahrnehmung des Ritters. Überdimensionierte Hände mit kleinen Körpern daran. Beides wundervoll gefertigt in den Werkstätten des Bühnenservice von der Abteilung Zeitgenössische Puppenspielkunst der Hochschule Ernst Busch. Kompliment! Schön anzuschauen. Körper ohne Kopf mit übergroßen Oberkörpern in Anzügen. Die Windmühlen geschrumpft zur Tischdekoration. Später ein Mund, der den Ritter verschlingt und die Räuber ausspuckt. Die Zunge wird weit ausgerollt. Das erinnert an eine Fliegenfalle. Ekelig anzusehen mit Bartstoppeln am Kinn und Schnauzbart unter der rot alkoholsierten Nase. Die Banditen kriechen als krabbelnde Käfer mit aufgeschnallten changierenden Rücken umher. Spitze Partyhütchen in gelb, lila, blau, grün an Gummibändchen, wie wir sie von Silvesterfeiern und Kindergeburtstagen kennen. Blüten gleich flattern bunte Papierschnipsel durch die Luft. It´s Partytime.

Zauber und Illusion

Jakop Ahlbohm, ein schwedisch-holländischer Akrobat, Schauspieler und Regisseur, gefeiert für seine Produktionen, die Pantomime, Musik, Tanz, Akrobatik und Zauberei miteinander verbinden, läßt den Zuschauer träumen und staunen. Er bezeichnet seine Arbeit selbst als „magischen Realismus“. Wie kann es sein, dass Dulcinée von einer zur anderen Sekunde mit Rosenblättern übergossen, verwandelt ist von der Kellnerin in einen vollbusigen blonden Vamp in Rot? Eine einfache Frau, die durch die Augen des sie Liebenden zur Königin wird. In dreifacher Gestalt, so übermächtig erscheint sie Don Quichotte – verbiegt sie sich, einer Schlangenfrau gleich, wie man es aus dem Zirkus kennt. Sie lockt, verführt, berührt, winkt mit den Füßen, streckt die Beine zum Spagat. Flick Flack, Tanzeinlagen, Salti. Den Tänzern könnte ich ewig zuschauen. Französische Leichtigkeit mit spanischen Einflüssen. Gitarre und Kastagnetten im vierten Akt.

Massenets Spanien ist das eines Opernkomponisten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Nicht Cervantes´ Spanien und nicht die karge La Mancha. Seine Vorlage war weniger der Roman als das Theaterstück von Jacques Le Lorrain. Bei Cervantes ist die Dulcinea ein Traum. In der Oper ist sie real. Ihre Aufgabe an Don Quichotte bringt die Handlung ins Rollen. So wird die Suche nach der geraubten Kette für Don Quichotte zum Kampf um die Liebe seines Lebens, den er verliert.

In dieser Oper gibt es groteske Intervallsprünge und einen schon damals aus der Mode gekommenen 6/4-Takt. Es gibt keinen großen Tenorpart und auch keinen Sopran. Die drei wichtigsten Charaktere sind Bass und Mezzosopran. Einige Phrasen sind so lang, dass es fast unmöglich scheint, sie in einem durchzusingen. Den Sängern an diesem Abend gelingt das.

Clémentine Margaine als Dulcinée, längst etabliert als eine der führenden Sängerinnen ihrer Generation, ist ein kraftvoller und stimmgewaltiger Mezzo. Seit sie schwanger ist, hat ihr Stimmvolumen noch zugenommen. Sie klingt weicher und wärmer. In der Tiefe hat sie eine wunderbare Fülle, in den Höhen ist sie klar. Von lebenshungriger Kokotte zu Beginn bis mitleidig für den Ritter weiß sie die Palette ihrer Gefühle in einem großen Bogen zu spielen und bezaubert. Sie ist bis in die letzte Reihe zu hören, ohne je laut zu wirken. Schade, dass sie nur in zwei von fünf Akten auftritt.

Alex Esposito als Don Quichotte gefällt mir besonders gut in den Tiefen. Sein warmer Bass verfügt hier über ein immenses Klangvolumen. Nur ähnelt seine Stimme zu sehr der von Seth Carico als Sancho Pansa. Dieser versteht es, in seinem Gesang als Tölpel glaubhaft seinen Herrn so zu akzeptieren mit all seinen Schrullen und Verrücktheiten und ihn dennoch zu lieben. Ohne ihn würde Don Quichotte nicht lange in der harten Realität überleben.

Der musikalische Leiter Emmanuel Villaume führt sein Orchester an dem Abend souverän. Er lässt Sängern und Chor genug Raum. Stimmlich agiert der Chor sicher, sie spielen mit großer Freude, sind nie statisch, sondern bewegen sich leicht. Nur an einigen Stellen haben die Sänger mit der französischen Sprache ein wenig zu kämpfen.

Massenet selbst war 68 und schwer von Krankheit gezeichnet, als er die Noten im Bett liegend schrieb. So kann man diese Oper als seinen ganz persönlichen Blick auf das Alter lesen. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er: „Don Quichotte trat also wie ein lindernder Balsam in mein Leben. Das war mehr als nötig für mich…“

DON QUICHOTTE
DON QUICHOTTE, Regie: Jakop Ahlbom, Premiere 30. Mai 2019, Deutsche Oper Berlin, © Thomas Aurin

Plädoyer für Akzeptanz

Viel zu selten wird diese wundervolle Oper aufgeführt, mit der Jules Massenet einem Buch der Weltliteratur ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. In der knapp zweistündigen Partitur finden sich viele Anspielungen auf eigene vorherige, aber auch fremde Kompositionen von Werther, Grisélidis bis zum Glöckner von Notre-Dame und Don Quichottes Diener erinnert an Leporello in Mozarts Don Giovanni.

Die Angebetete bei Cervantes existiert nur in der Phantasie des Ritters. Jacques Le Lorrain ersetzt die plumpe Serviertochter einer Schenke durch eine heitere schöne Dulcinée, ein Vollweib. Als der Ritter von der traurigen Gestalt sie nicht bekommen kann, stirbt er an gebrochenem Herzen. Unerfüllte Liebe als Todesursache. Traurig, aber nie schnulzig. „Ein Ritter muss aufrecht sterben!“ Auch im Tode Haltung bewahren. Und so lehnt sich Don Quichotte in der Sterbeszene an einen Baum. Einem Teil seiner letzten Worte an seinen Knappen und treuen Freund ist die Melodie der Serenade aus dem ersten Akt unterlegt. Damit blickt Massenet melancholisch zurück und spiegelt sich im Sterben seines Helden – er selbst litt an Rheuma und konnte kaum noch aufrecht gehen. Mit Dulcinée erzählt er, wie vordergründige Lebenslust über Angst vor Alter und Vergänglichkeit hinwegtäuschen soll. Die Literatur und Musik der Jahrhundertwende waren voll von alternden Helden.

Don Quichotte war für Massenet ein Herzensprojekt, ein Auftragswerk für das Opernhaus in Monte-Carlo. Der Ort war damals noch kein Schauplatz der High Society, ohne Rummel, Spielcasino und Formel 1. Die Stadt am Mittelmeer glich einem großen Kunstzentrum, wo abseits der Aufmerksamkeit von Paris viele große Produktionen entstehen konnten.

Es ist eine vielschichtige Oper, in der verschiedene große Themen vorkommen: Jungbleiben im Alter. Das Verhältnis von Traum und Realität. Wertschätzung. Außenseitertum. Schubladendenken. Wahre Freundschaft.

Alles ist möglich

Diese Inszenierung ist ein frecher und frischer Abschluss zum Ende der Spielzeit. Sowohl bei der Premiere als auch in der von mir besuchten Aufführung gab es noch viele freie Plätze. Die zwei Stunden und fünfzehn Minuten inklusive Pause lohnen einen Besuch für alle Altersgruppen, von den Großeltern bis zu den Enkeln ab der 4. Klasse. Der Stoff ist heute aktueller denn je. Menschlichkeit und Güte, ein Mann der Toleranz und Liebe predigt. Dem es gelingt, mit den richtigen Worten Verbrecher vom Töten abzuhalten. Emmanuel Villaume vergleicht ihn gar mit einem zweiten Christus.

Das mag etwas hoch gegriffen sein, aber wir alle sollten uns im Alltag Wärme und Menschlichkeit bewahren und das Kind sein nicht verlieren.

Daniela Debus (publiziert am 9. Juni 2019)

Opera Gazet

Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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