Benvenuto Cellini, Opus 23 ist eine Opéra-comique in zwei bzw. drei Akten von Hector Berlioz. Das Libretto stammt von Léon de Wailly sowie Auguste Barbier. Es ist das erste Opernwerk von Berlioz, entstand in den Jahren 1834–1837 und wurde am 10. September 1838 in der Pariser Oper uraufgeführt. Die Handlung bezieht sich auf das Leben des Florentiner Goldschmieds und Bildhauers der Renaissance, Benvenuto Cellini. Haus der Berliner Festspiele, 31. August 2019.
 

Michael Spyres Tenor (Benvenuto Cellini)
Sophia Burgos Sopran (Teresa)
Maurizio Muraro Bass (Giacomo Balducci)
Adèle Charvet Mezzosopran (Ascanio)
Tareq Nazmi Bass (Papst Clemens VII)
Krystian Adam Tenor (Francesco)
Lionel Lhote Bariton (Fieramosca)
Ashley Riches Bassbariton (Bernardino)
Duncan Meadows Schauspieler (Perseus)

Monteverdi Choir
Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung

 

Musik:
Regie:

Ouvertüre mit einem unvertrauten Bild, Alle Musiker, die ihr Instrument im Stehen spielen können, stehen. Das habe ich noch nie gesehen. Die Musik ist ein Highlight, laut, dröhnend, mitreißend, ungewöhnlich. Eine wahre Musikexplosion.

Das Spiel beginnt. Jetzt sitzen die Musiker und hinter dem Rücken des Dirigenten versuchen die Sänger in Kostümen halb-konzertant auf wenigen Quadratmetern zwischen Publikum und Orchester zu agieren.

Mit einfachen großen Gesten wird gespielt. Da wird gestrauchelt, mit den Augen gerollt, gehüpft und gesprungen, die Blume zwischen die Zähne gesteckt, der Lauscher versteckt sich im Orchester. Das ist dick aufgetragen, italienisches Bauerntheater.

Jetzt bereits zeichnet sich ab, dass Berlioz, ein Autodidakt, der selbst kein Klavier spielte, schon zu seiner Zeit eine Geschichte, die äußerst dünn in ihrer Handlung ist, zu einer abendfüllenden Handlung aufblasen will. Zwischen Liebe und Intrige, Mord und Happyend. Das ginge auch kürzer. So wird der Abend durch Wiederholungen und Retardierungen ausgedehnt, so dass es mit großer Mühe gelingt, aus dieser dürren Handlung drei Stunden zu ziehen.

Die Musik dagegen ist das Highlight des Abends. Dieses Orchester allein ist in jeder Sekunde Musikgenuss. Zwischen den Orchester-Klassikern sieht und hört man Ungewohntes, wie ein kleines Ventilhorn (Piston), eine Ophikleide und Gitarren.

Copyright © Adam Janisch

Dichtung und Wahrheit

Der Maestro, Sir John Eliot Gardiner, liebt sein Orchester und jeden einzelnen der Musiker, das spürt und sieht man und zum Schluss wird er nicht müde, einige der Musiker und Sänger immer wieder lange zu umarmen. Lässig-souverän und kraftvoll führt er durch den Abend. Das reißt die Zuschauer mit.

Der Chor ist stimmlich und gestisch die Stimmungskanone. Seine Virtuosität kommt einem Vulkan gleich. Ob als Gaukler, Jongleure oder in der Werkstatt des Meisters. Auf Weltniveau begeistern die Sänger mit Stimmen und Schauspielkunst.

Die Besetzung: Die Titelrolle singt der amerikanische Tenor Michael Spyres kraftvoll und leicht zugleich in fehlerlosem Französisch. Er hat bereits große Erfahrung mit Berlioz sammeln dürfen, den Cellini schon an der English National Opera gesungen.

Die Rolle der Teresa, die schwer zu besetzen ist, weil die Partie für einen Mezzosopran ein wenig hoch, für einen lyrischen Sopran etwas zu tief ist, wird von Sophia Burgos, der puertoricanischen Sopranistin gesungen. Ihre Stimme ist noch jung und schlank, dabei leicht und berührend. Natürlich und lebenslustig besingt sie die Macht der Liebe.

Die Handlung spielt im Jahr 1532 in Rom, zur Zeit des Carneval. Ein Mann, Cellini, verliebt sich in ein Mädchen, Theresa. Er genial, aber ein Hitzkopf, sie schön und jung, doch schon einem anderen, mittelmäßigeren versprochen. Die beiden überlegen, wie sie hinter dem Rücken des Vaters zusammenkommen können, schmieden einen Plan zur Flucht. Werden dabei aber vom Widersacher, Fieramosca belauscht.

Oper als Selbstporträt

Als Vorlage für dessen gleichnamige Oper diente Hector Berlioz Benvenuto Cellini. Ein genialer Bildhauer und Goldschmied, eine schillernde Figur in Italien zur Zeit des Manierismus. Ein mehrfacher Mörder, auch im wahren Leben, unkontrollierbar. Berlioz war von ihm fasziniert, weil er als Künstler ähnlich einsam und isoliert war wie er selbst. Beide haben ihre Memoiren geschrieben, spannender als man sie erfinden könnte.

Lange Jahre schien die Oper in den Archiven verschollen. Jetzt erobert sie wieder die Opernbühnen. Aus dieser Gestalt des Benvenuto Cellini hat der französische Komponist Hector Berlioz einen grandiosen Opernhelden geformt, „der ein Gegenbild zu Künstlerbeamten abgibt, die sich von der Obrigkeit hätscheln und vom Mainstream im Kunstbetrieb beeinflussen lassen.“ Für Sir Eliott Gardiner gibt es keine Oper außer dieser und „Les Troyens“, die theatralische Darstellung und Fantasie so spannend miteinander verbinden. Gleichzeitig ist es ein sehr kompliziertes Stück

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Nach der Pause. Die Musik bleibt bombastisch, die Handlung banal und zäh.

Aschermittwoch. Cellini hat den Guss noch immer nicht vollendet. Der Papst wird ungeduldig, droht, den Auftrag an der Statue einem anderen Bildhauer zu übertragen. Den Gießereiarbeitern – wieder genial der Chor in weißen Hemden – fehlt es an Material. Sie rufen: Metall, Metall… Die Arbeit ruht. Das Werk droht zu scheitern. Verzweifelt wirft Cellini all seine Werke aus dem Atelier in den Brennofen. Es raucht. Der Guss gelingt. Die Statue ist fertig, das Meisterwerk erschaffen. Perseus, goldglänzend, mit Tarnkappe und Sichelschwert. Cellini hat alles gewagt und gewonnen: Absolution durch den Papst, Ruhm und die Hand seiner Geliebten.

Tobender Applaus. Für eine ausgezeichnete Besetzung, den überragenden Dirigenten, ein fulminantes Orchester, einen sensationellen Chor und ohne Einschränkung perfekt besetzte Solisten.

Daniela Debus

(publiziert 2. September 2019)


Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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