Berlin, Staatsoper Unter den Linden. QUARTETT von Luca Francesconi. Regie: Barbara Wysocka. Musikale Leitung: Daniel Barenboim. Mit Mojca Erdmann und Thomas Oliemans.

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Unvergessen Glenn Close, John Malkowich, Uma Thurman und Michelle Pfeiffer im Film Gefährliche Liebschaften von Choderlos de Laclos. Er und Heiner Müller schufen die literarische Vorlage der 2011 erstmals in englischer Sprache in der Mailänder Scala uraufgeführten Oper.

In der Staatsoper Unter den Linden ist die Handlung in einem Iglo-ähnlichen grauen Beton-Bunker angesiedelt. Zu Beginn des Abends ist der Vorhang oben und die Rückseite der großen Halbkugel – toll gemacht – wird von fast jedem Besucher fotografiert, der den Zuschauerraum betritt. Aus vier wird zwei oder zwei spielen vier. Ein Mann, eine Frau, die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont, einst ein Paar, jetzt Kälte statt Liebe, Gleichgültigkeit, Langweile, das Stochern in alten Wunden, bei ihr noch verletzte Gefühle, bei ihm Selbstgefälligkeit.

Quartett
Thomas Oliemans. ©Marco Borggreve.

Sie täuscht vor, ihn nur benutzt zu haben, er heuchelt erneutes Interesse. Um sich wieder zu spüren und gegen die Öde, spielen sie ein Rollenspiel mit sich selbst als Einsatz. Zuerst übernimmt Merteuil die Rolle des Verführers Valmont und Valmont gibt Madame de Tourvel. Der Mann als Frau, die Frau als Mann. Er will sie verführen. Sie weist ihn zurück. Beim zweiten Spiel begibt sich Merteuil in die Rolle der jungen Nichte Volanges, Valmont spielt sich selbst, wissend, dass er mit der Verführung von Merteuil/Volanges ein leichtes Spiel hat. Am Ende tötet er sie, damit sie nicht altert und erwartet, dafür bestraft zu werden. Im dritten Spiel übernehmen beide wieder die Rollen des ersten Spiels. Valmont/Tourvel wirft Merteuil/Valmont vor, ihr Leben ruiniert und sie getötet zu haben. Merteuil/Valmont zeigt sich geschmeichelt und reicht ihm ein Glas Wein, worauf Valmont/Tourvel ironisch sinniert, es sei gut, eine Frau zu sein und kein Sieger. Merteuil, die den Wein wirklich vergiftet hat, sieht, wie Valmont/Tourvel vor ihren Augen stirbt. Noch im Tod höhnt er, er hoffe, sein Spiel habe sie nicht gelangweilt, denn das wäre unverzeihlich. Sie bleibt allein zurück.

Quartett
Mojca Erdmann. ©Felix Broede.

Die gesamte Handlung spielt in einem Raum, aber eigentlich sind es drei Räume: Der Bunker, in dem die Protagonisten gefangen sind, das Innen. Sie glauben, hier vor der Außenwelt und auch sonst sicher und geschützt zu sein, aber die Gefahr schaffen sie sich selbst. Den zweiten Raum hat Luca Francesconi mit der Bühne geschaffen. Es ist das Außen, es sind ihre Träume, Wünsche, Sehnsüchte, Verletzungen, Erinnerungen, das Unsichtbare, von dem man nicht weiß, ob es real ist, „mentale Projektionen“. Die dritte Dimension, der dritte Raum kann laut Francesconi alles sein, das Orchester, das Außerhalb, die Musik, die zu ihnen in den Bunker hineindringt und der Zuschauer, dem hier die Rolle des Voyeurs zukommt, der sich an ihrem Elend und ihrer Verzweiflung ergötzt, sich darin selbst entdeckt oder einfach nur zuschaut.

Quartett. West Edge Opera, 2018.

Quartett ist eine menschliche Tragödie, aber darüber hinaus vielmehr. Es ist laut Luca Francesconi „eine Metapher für die Leere in der westlichen Zivilisation. Die Fragmentierung der Sprache verhindert, dass Menschen Meinungen austauschen oder sogar eine persönliche Meinung bilden, und genau das möchte dieses System. Das Ziel sind nicht-denkende Individuen, vereinzelte Roboter, die nur genau das tun, worum sie gebeten werden… Die große Lehre von »Quartett« ist dies in Francesconis Augen: Eine sehr rohe und physische Metapher westlicher »Hybris«.

Wie schnell werden Grenzen überschritten? Wie weit ist der Mensch bereit, zu gehen? Wann wird der Tod in Kauf genommen? Wieviel Leid braucht es, um sich zu rächen? Wann verlieren Menschen ihre Moral? Was sind Prinzipien und Tabus? Viele Fragen in weniger als neunzig Minuten, nicht explizit gestellt, aber in den Köpfen der Zuschauer.

Erdmann und Oliemans

Die weltweit gastierende Mojca Erdmann hat eine rasante Karriere vorzuweisen. Sie strahlt als Marquise de Merteuil eine unvergleichliche Emotionalität aus und beherrscht gesanglich die komplette Klaviatur von Schmerz über Verletzlichkeit, Eitelkeit, Bosheit bis Langweile. In ihrem warmen, klaren und zugleich weichen Sopran versinkt man und wünscht, ihre Arien würden nie enden. Thomas Oliemans ist ihr ebenbürtiges Pendant. Er gilt als einer der derzeit besten Sänger im Baritonfach, singt an diesem Abend von wunderbar lyrisch bis dramatisch und überzeugt mit jedem Ton.

Regisseurin Barbara Wysocka gibt an der Seite von Daniel Barenboim ihr rundum gelungenes Debüt an der Staatsoper Unter den Linden. Die Berliner Aufführung ist die Erstaufführung in deutscher Fassung und sie ist absolut sehens- und hörenswert. Das Berliner Highlight in diesem Herbst.

Daniela Debus

Weitere Aufführungen am 8., 10. und 18. Oktober.

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Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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