Irgendwo im Nirgendwo oder Violetta hinter den Spiegeln. Hervorragend gesungen trotz dieser Inszenierung – das ist schon eine starke Leistung von Plácido Domingo und seinen Mitsängern. Eine sehr starke Leistung. Diese Leistung wurde zu Recht am Ende mit stehendem Applaus für das gesamte Ensemble und auch für die Einzelauftritte der drei Hauptdarsteller belohnt.

 

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La traviata. Melodramma in drei Akten (1853). Musik von Giuseppe Verdi. Text von Francesco Maria Piave nach dem Drama »La Dame aux camélias« von Alexandre Dumas d.J.
Berlin, 16. Januar 2020

Violetta Valéry: Zuzana Marková
Alfredo Germont: Benjamin Bernheim
Giorgio Germont: Plácido Domingo
Flora Bervoix: Natalia Skrycka
Annina: Constance Heller
Gastone: Andrés Moreno García
Barone Douphol: Adam Kutny
Marchese d’Obigny: Grigory Shkarupa
Dottor Grenvil: Jan Martiník

Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Inszenierung: Dieter Dorn

Musik:
Inszenierung:

Junge Talente und junggebliebener „alter Hase“

Violetta Valéry war die junge tschechische Sopranistin Zuzana Marková. Bildhübsch, fragil wirkend und auch schauspielerisch talentiert, glich sie einige Unsicherheiten im Gesang erfolgreich aus. Ihre Stimme ist kraftvoll und erfreut mit zarten, beinahe atemberaubenden Pianissimi, ist aber in den hohen Tönen nicht immer konstant. Dabei hat sie trotzdem einiges zu bieten. Im Lauf des Abends wurde sie zunehmend sicherer und zeigte, was in ihr steckt. Manches gelang ihr sehr gut, wie etwa das „Addio, del passato“. Da schlummert noch einiges Potenzial – und nachdem sie erst 31 Jahre ist, können mehr Sicherheit und Gleichmäßigkeit bestimmt noch dazukommen, um ihr zweifellos vorhandenes, großes Talent zur Gänze ausspielen zu können.

Plácido Domingo
Copyright: Gabi Eder

Der französische Tenor Benjamin Bernheim (Alfredo) ist nur drei Jahre älter – aber gesanglich wesentlich reifer. Seine Stimme hat ein warmes, weiches Timbre mit einer extra-reich ausgestatteten Farbpalette, und er singt mit einer spielerischen Leichtigkeit, die den Zuhörer staunend hinterlässt. Die Bühne in Berlin ist fast zu klein für diese große Stimme, die ohne jegliche hörbare Anstrengung die voluminösen Spitzentöne erklimmt, elegant in die Tiefe zurückschwebt und auch in fein ziselierten leisen Passagen nie ihre Ausdruckskraft verliert. Besonders beeindruckend ist, dass die technische Perfektion seiner Gesangskunst „technisch nicht hörbar“ wird. Er stützt die Stimme auf so eine natürlich-kraftvolle Weise, dass Tenorliebhabern, die unter „Schreiern und Pressern“ besonders leiden, ganz wohlig-warm im Herzen (und in den Ohren) wird. Glasklare Diktion und vornehm geführte verdianische Gesangslinien vervollständigen den blendenden Gesamteindruck, den der lyrische Tenor hinterließ. Ein klein wenig mehr schauspielerische Abwechslung wären fein – aber man freut sich schon, in Zeiten der „Ich-presse-bis-mein-Kopf-platzt-Tenöre“ so ein technisch ausgereiftes, junges Gesangstalent überhaupt erleben zu dürfen.

Plácido Domingo

Talent und technische Perfektion – eine Kombination, die auch die unglaubliche Karriere von Plácido Domingo seit mehr als 50 Jahren begründete. Er war der Vater Germont an diesem Abend. Obwohl Intendant Werner Schulz ihn zu Beginn als schwer erkältet entschuldigt hatte, sang Domingo – der wegen eines hartnäckigen Hustens bereits eine Absage erwogen hatte – und begeisterte einmal mehr das Publikum. Die Erkältung war nur für sehr feine Ohren hörbar, er sang zwar etwas verhaltener und vorsichtiger, als man es von ihm gewöhnt ist, aber nicht minder beeindruckend! Sehr klug teilte er sich seine Kraft ein, um sie in den dramatischen Höhepunkten ganz gezielt einzusetzen. Immer wieder fordert er mit seiner makellosen Technik und seinem Gefühl für Verdi seinen Zuhörern uneingeschränkte Bewunderung ab. Tosender Applaus bereits nach seinem Duett mit Violetta und dann erneut und sogar noch lauter und länger nach „Di provenza il mar, il sol“ zeugte von seinem unvergleichlichen Können, seiner Fähigkeit, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und selbst aus kleinen Momenten große Opernabende zu zaubern. Und solche „Zaubereien“ hatte die langweilige, konfuse, nichtssagende Inszenierung bitter nötig …

Auch in den kleineren Rollen waren durchaus große Stimmen zu hören, etwa Andrés Moreno García als Gastone oder Adam Kutny als Baron Douphol. Die durchwegs gute Besetzung wurde abgerundet von Natalia Skrycka (Flora Bervoix), Constance Heller (Annina), Grigory Shkarupa (Marchese d’Obigny) und Jan Martiník (Dottor Grenvil).

Störende tempi

Der Dirigent der Staatskapelle Berlin an diesem Abend war Thomas Guggeis. Erst 25 Jahre alt, ließ auch er sein großes Talent durchblitzen, obwohl er mich nicht durchgehend überzeugen konnte. Manche Passagen gerieten so langsam, dass sogar die Sänger Mühe hatten, ihr Tempo entsprechend zu reduzieren. So sängerfreundlich langsamere Tempi normalerweise sein können, so störend empfand ich sie hier an manchen Stellen. Trotzdem hatte er Momente, in denen er die Staatskapelle farbenprächtig aufspielen oder leise, intime Szenen gestalten ließ. Als große Überraschung wurde er am Ende der Vorstellung auf offener Bühne vom Intendanten zum Staatskapellmeister ernannt. Man müsste ihn vermutlich öfter erleben, um seine Arbeit besser beurteilen zu können. Es ist durchaus auch möglich, dass die Unsicherheiten mit der Inszenierung zusammenhingen – wie auch bei manchen Sängern.

Inszenierung? Ach, wirklich!?

Dieter Dorns La-Traviata-Inszenierung in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin ist fünf Jahre alt, aber sie hätte es sich meiner Meinung nach verdient, in Rente geschickt zu werden. Sie funktioniert (oder besser: funktioniert eben nicht) nach dem ausgelutschten Prinzip: Man nehme ein schwarzes Halbrund mit gelegentlich sich öffnenden Türen ins Licht, werfe einige symbolträchtige Elemente ein, ergänze das Ganze um unverständliche Details – und lasse geschehen, was immer auch geschehen mag. Eine Epoche oder ein Ort ist nicht zuordenbar. Es kann überall und nirgends irgendwann im 19., 20. oder 21. Jahrhundert sein. Historisierte Abendrobe neben modernem Anzug, traditionelle Torero-Kappe neben 1920er-Jahre-Kostüm. Wer weiß das schon, irgendwo im Nirgendwo …?

Plácido Domingo
Copyright: Gabi Eder

Sandsack ist Lebenszeit

Ein Sandsack, aus dem unaufhörlich Sand rieselte, symbolisierte Violettas ablaufende Lebenszeit – obwohl der Sandsack nie leer und der Haufen darunter nie größer wurde. Menschen in hellen Ganzkörperkondomen, die sich in Superzeitlupe über Bühne bewegten, symbolisierten den allgegenwärtigen Tod für Violetta. Praktischerweise konnten sie auch Requisiten bringen oder abtransportieren, obwohl derer nicht viele benötigt wurden. Neben dem schwarzen Halbrund gab es nur einen großen, zersprungenen Spiegel, einen Tisch und einen Stuhl sowie Violettas Bettstatt auf dem Boden. Zusätzliche Kissen machten daraus das Liebesnest im Landhaus. Zusätzliche Holzstühle – die mal standen, mal umgelegt wurden – sollten die großen Ballszenen darstellen, die sich dadurch auszeichneten, dass Massen an bunt und zusammenhanglos gekleideten Menschen, wahlweise mit beleuchteten Plastikbechern oder einfach nur so, aneinandergedrängt in der Gegend herumstanden oder -gingen. Feststimmung? Wer braucht die schon?!

Die Kostüme (Moidele Bickel) waren aus der Kategorie „schrill und schreiend“, mit passenden Kopfbedeckungen aus der Kategorie „grotesk und grenzwertig“. Hinter dem Spiegel formten die Ganzkörperkondom-Menschen Figuren, die zeitweise angeblich einen Totenschädel darstellen sollten, der allerdings aus unserer Perspektive kaum zu erkennen war. Und hinter diesem Spiegel sollte Violetta auch ihren Tod erleiden, sie war zum Sterben nicht mehr sichtbar, der Spiegel sog sie aus dem unglücklichen Bühnenbild, dessen zentrales Element zum Abschluss ein großgewachsener, muskulöser Transvestit am Arm eines der Toreros bildete. Warum auch immer.

Dazwischen irrten die Protagonisten entweder einsam auf der leeren Bühne umher oder versuchten, im Massengewühl irgendwie nicht verloren zu gehen. Ohne jede erkennbare Personenregie Intimität der Zweisamkeit oder Verlorensein im überschäumenden Pariser Nachtleben darzustellen, war vermutlich unmöglich.

Dass die Aufführung am Ende dennoch mit mehr als 15 Minuten stehenden Applauses bedacht wurde, ist einzig und allein den Sängern zu verdanken, die das Übermenschliche schafften – allen voran Plácido Domingo, der trotz der kleineren Rolle den längsten und lautesten Beifall bei seinem Solovorhang erhielt.

 

Gabi Eder
(publiziert am 17. Januar 2020)


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Gabi Eder
Gabi Eder

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Musical education: flute, singing in a chorus (under the baton of composer Johann Krebs). Former newspaper and radio journalist, owner of a PR agency since 1998. Favourite composers: Verdi and Wagner.

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Willem
Willem
8 maanden geleden

Mijn favoriet in de rol van de vader is Leo Nucci. 🎼🌷🌷🌷🌷🎼

Olivier Keegel
Beheerder
8 maanden geleden
Antwoord aan  Willem

Ook een prima-de-luxe operaregisseur

Lan Xiao
Lan Xiao
8 maanden geleden

Placido Domingo had a triumphant performance as Giorgio Germont in “La Traviata” at Berlin Staatsoper. Dignified presence on stage, warm and burnished voice filling the space, Domingo, together with his wonderful colleagues Zuzana Marková as Violetta, Benjamin Bernheim as Alfredo, and a strong supporting cast, under the confident baton of young maestro Thomas Guggeis, gave a deeply engaging and truly marvelous performance. The thunderous ovations from the audience brought the evening to a boiling climax.

Christine Linke
Christine Linke
8 maanden geleden

Plácido Domingo defies his biological age everytime he steps on an opera stage…and HE still has it all to make an opera-evening an unforgettable experience of ART and GREATNESS! Thank you for your wonderful report, dear Gabi!