Die Regie verlegte das Geschehen aus unerklärlichen Gründen in die 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und betrieben damit angesichts der vor klarem historischen Hintergrund spielenden Oper fast schon so etwas wie Geschichtsverfälschung.

 

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Les Huguenots von Giacomo Meyerbeer. Grand Opéra in fünf Akten. 1835. Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps. Uraufführung an der Pariser Opéra am 29. Februar 1836.
Besuchte Aufführung: 26. Februar 2020 (Premiere), Grand Théâtre de Genève. Rezensent des Opera Gazets: Marco Ziegler.
 

Marguerite de Valois: Ana Durlovski
Raoul de Nangis: John Osborn
Marcel: Michele Pertusi
Urbain: Léa Desandre
Le Comte de Saint-Bris: Laurent Alvaro
Valentine de Saint-Bris: Rachel Willis-Sørensen
Le Comte de Nevers: Alexandre Duhamel
De Tavannes: Anicio Zorzi Giustiniani
De Cossé: Florian Cafiero
De Thoré / Maurevert: Donald Thomson
De Retz: Tomislav Lavoie
Méru: Vincenzo Neri
Archer: Harry Draganov
Une coryphée: Iulia Surdu
Une dame d’honneur: Céline Kot
Bois-Rosé / Le valet: Rémi Garin

Direction musicale: Marc Minkowski
Orchestre de la Suisse Romande

Chœur du Grand Théâtre de Genève

Mise en scène et dramaturgie: Jossi Wieler & Sergio Morabito

Muziek:
Regie:

Giacomo Meyerbeers Oper “Les Huguenots” bildet gemeinhin den Prototyp einer Grand Opera. Das 1836 in Paris uraufgeführte Werk verwendet ein Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps und erzählt in breit angelegten Bildern, Chorszenen und Tableaux die tragische Liebesgeschichte des Hugenotten Raoul de Nangis und der jungen Katholikin Valentine de Saint-Bris vor dem historischen Hintergrund der Bartholomäusnacht von 1572, als in der Nacht vom 22. auf den 23. August in Paris tausende Protestanten während der Hochzeitsfeierlichkeiten des Protestanten Heinrich von Navarra, des späteren Königs Heinrich IV. mit Margarete von Valois grausam ermordet wurden. Das Werk Meyerbeers entspricht ganz dem Geschmack der damaligen Zeit und war mit ihrer eingängigen Melodik, ihren fünf eine aufwändige Ausstattung fordernden Akten und einer ausgedehnten Balletteinlage bis in die erste Hälfte  des zwanzigsten Jahrhunderts eine der meistgespielten und erfolgreichsten Opern überhaupt. Gleichzeitig stellt jede neue Inszenierung dieses herausragenden Werkes einen Kraftakt für alle Beteiligten dar, zumal die gesanglichen Anforderungen an die Solisten, auch auf Grund der außerordentlichen Länge des Werkes von 5 Stunden, eine wahre Herausforderung darstellen. Da schien es umso mutiger, dass Aviel Cahn, der neue Intendant des Grand Théâtre de Genève, sich bereits in seiner ersten Spielzeit dieser gewaltigen Herausforderung stellen wollte. Leider jedoch geriet die mit Spannung erwartete Premiere am 26.02.2020 auf Grund der Inszenierung zu einer gewaltigen Enttäuschung.

Les Huguenots
© Magali Dougados

Unerklärliche Gründe

Für die Inszenierung hatte man in Genf das nicht unumstrittene Regie-Duo aus Jossi Wieler und Sergio Morabito, gemeinsam mit der mehrfach preisgekrönten Bühnenbildnerin Anna Viebrock engagiert. Diese hatte für alle fünf Akte eine nur wenig variierte Ausstattung entworfen: Ein paar verrückbare Säulen, eine teilweise demolierte Kirchenempore, ein paar Kirchenbänke, welche zwischen grell ausgeleuchteten Betonwänden mit einer Leiter und Strassenlaternen standen. In diesem Ambiente, das in seiner Tristesse und Hässlichkeit keinerlei Bezug zur Handlung oder den inneren Konflikten der Protagonisten aufwies, kam nur selten Atmosphäre auf. Auch machte es die nach oben weit aufgerissene Bühne den Sängern nicht gerade einfach. Die Kostüme, ebenfalls von Viebrock entworfen, verlegten das Geschehen aus unerklärlichen Gründen in die 50er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und betrieben damit angesichts der vor klarem historischen Hintergrund spielenden Oper fast schon so etwas wie Geschichtsverfälschung. Die unförmig geschnittenen Kleider, Bade-Accessoires(?) und Herrenanzüge gaben Solisten und Choristen der Lächerlichkeit preis. Aber damit nicht genug. Jossi Wieler hatte sich zudem in den Kopf gesetzt, die Handlung in eine Art Filmstudio zu verlegen, wobei Königin Marguerite de Valois, welche die verfeindeten Religionsgruppen miteinander versöhnen möchte, die Rolle der Regisseurin übernahm. Jedoch nicht einmal diese völlig unsinnige Idee wurde konsequent umgesetzt: Nur in wenigen Filmszenen filmten Kamerateams das Geschehen. Stattdessen klingelten auf der Bühne immer wieder schrille Telefone mit Drehscheibe, während eine düster dreinblickende Statistin, dem Anschein nach Katherina von Medici, ebenfalls am Telefon, im Hintergrund den Auftrag zum Mord an den Hugenotten erteilte.

Die Personenführung Wielers trug kaum erhellendes zum Verständnis des Werkes bei und setzte im Verlauf des Abends immer wieder auf seltsame “Witzchen”, die in keinem Zusammenhang zu Meyerbeers Werk standen oder sich mit den Themen der Oper beschäftigten.


Störend bebilderte Ouvertüre

So blieben die zeitlosen Themen Rassismus, Fanatismus und religiöse Verblendung völlig außen vor. Auch die Emotionen des unglücklichen Liebespaares interessierten das Regieteam bei seiner Umsetzung offenbar nur am Rande. Die Hugenotten geisterten bereits während der störend bebilderten Ouvertüre als blutbeschmierte halbnackte Geister durch die Szene, während Raoul de Nangis statt mit seiner geliebten Valentine, eine Liebesszene mit Königin Marguerite spielen durfte. Weil dieser das offenbar nicht genügte, pflegte diese nebenbei noch ein homoerotisches Verhältnis zu ihrem hier als Frau kostümierten Pagen Urbain. Um noch mehr Absurditäten der Inszenierung aufzuzählen, seien mit Handtaschen schunkelnde Choristinnen, sowie am ganzen Körper zuckende Statisten während des von Altea Gorrido choreographierten Balletts im dritten Akt zu nennen. Bei solch einem szenischen Klamauk war es äusserst bedauerlich, dass die Gesangsleistungen des hochkarätigen Gesangsensembles teilweise völlig in den Hintergrund gerieten.

Stahlkräftiger Tenor

An erster Stelle ist dabei sicherlich John Osborn als Raoul zu erwähnen, dessen heller, aber stahlkräftiger Tenor sich mühelos in die höchsten Höhen aufschwang und der ohne jegliche Ermüdungserscheinungen in seiner langen und kräftezehrenden Partie einen hugenottischen Edelmann verkörperte, der den Vergleich mit grossen Rollenvorgängern nicht zu scheuen braucht. In dieser Hinsicht stand ihm auch die junge Rachel Willis-Sorensen um nichts nach. Es war berührend, wie die sympathische Sängerin mit vorbildlicher Technik ihren warmen Sopran in Meyerbeers wunderbaren Kantilenen ungehindert strömen liess, um der zwischen Liebe und Pflicht zerrissenen jungen Frau ein glaubhaftes Gesicht zu verleihen. Da war es kein Wunder, dass die grosse Liebesszene zwischen Raoul und Valentine im vierten Akt, auch dank einem etwas ruhigeren Bühnengeschehen, zum musikalischen Höhepunkt der Aufführung geriet. Mit elegant geführtem Kavaliersbariton sang Alexandre Duhamel die Rolle des Comte de Nevers und machte dabei eine glaubhafte Entwicklung vom Lebemann zu einem zutiefst zerrissenen Charakter durch. Michele Pertusi dagegen gab einen finster-zwielichtigen fanatischen Marcel, dessen Piff-Paff-Pouff Gesang bereits im ersten Akt voll für sich einnehmen konnte. Die als Königin Marguerite völlig unvorteilhaft kostümierte Ana Durlovski verstand es zwar mit ihren virtuos gestalteten Koloraturpassagen das Publikum zu beeindrucken, jedoch weist ihr belcanto-erfahrener Sopran deutliche Probleme in der Tiefe auf und wirkte am Premierenabend zu eindimensional geführt.

Les Huguenots
© Magali Dougados

Grauenhafte Schlussszene

Lea Desandre gab mit soubrettenhafter Stimme den Pagen Urbain und musste allerlei Energie damit aufbringen, die ihr zugedachten Einfälle des Regieteams umzusetzen, während Laurent Alvaro als der autoritäre Vater Valentines, Graf von Saint-Bris im Gesamtzusammenhang mit seinem ausdruckslosen Bass im Verlauf des Abends völlig unterging. So verfehlte die grauenhafte Schlussszene, wenn Saint-Bris erkennen muss, seine eigene Tochter getötet zu haben, leider weitgehend ihre erschütternde Wirkung. Eine großartige Leistung erbrachte der Chor des Grand Théâtre unter der Einstudierung von Alan Woodbridge, während Marc Minkowski am Pult des Orchestre de la Suisse Romande Meyerbeers gigantische Partitur voller Liebe zum Detail mit viel Genauigkeit und Emotionen einstudiert hatte. Da stimmte jeder Einsatz, da war – anders in der Inszenierung- ein religiöses musikalisches Thema klar als ein solches erkennbar, wie der in der Ouvertüre variierte protestantische Choral “Ein feste Burg”.

 

Viele Zuschauer hatten bereits während der beiden Pausen des fünfstündigen Abends die Aufführung verlassen. Diejenigen die geblieben waren feierten die Solisten, allen Voran John Osborn, und straften das Regieteam bei seinem Vorhang mit kalter Missachtung.


Marco Ziegler (28-02-2020)

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Marco Ziegler
Marco Ziegler

REVIEWER

Marco Ziegler, based in Zürich, went to the opera from the age of 10 and has a keen eye and ear for the developments of the last few decades. Favourite genre: Italian Opera. Favourite operas: Aida, Don Carlo and La Forza del destino.

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John Ennen
John Ennen
7 maanden geleden

Hermosa, humorística y aguda crítica