Was kommt heraus, wenn man Opern-Weltstar Anne Sofie von Otter und Tatort-Kommissar Wolfram Koch in einen Raum mit Adam Benzwi – musikalischem Geist der neuerstarkten Jazz-Operette – sperrt? Eine wilde, echt Berliner Mélange! Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn!

 

 

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Ein gelungener “Berlin-Abend” in der Komischen Oper  mit Anne Sofie von Otter und Wolfram Koch.

Musikalische Leitung: Adam Benzwi. Musik von Kurt Weill, Paul Dessau, Peter Kreuder, Theo Mackeben u. a.
Besuchte Vorstellung: 6. März 2020 (Premiere). Komische Oper, Berlin. Rezensentin des Opera Gazets: Daniela Debus.

Muziek:
Regie:

Lilian Harvey teilt in weißer, gestärkter Schürze mit der Geflügelschere das Huhn. Um sie herum werkeln drei Herren in der Küche, Oskar Sima, Willy Fritsch und Paul Kemp. In der im Stil einer amerikanischen Screwball gedrehten Filmkomödie „Glückskinder“ von 1936 feierte das Traumpaar des Deutschen Films Harvey/Fritsch am 19. September Deutschland-Premiere im Berliner Gloria-Palast. Der Schlager „Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn“, ein Foxtrott, wurde zum Gassenhauer. Hollywood-Regisseur Quentin Tarantino hält den Film, aus dem das Lied stammt, für einen der besten Filme, die während des Nationalsozialismus entstanden.

Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn!
Anne Sofie von Otter. Foto: Mats Bäcker.

Es war Anne Sofie von Otters Wunsch, mal wieder einen Liederabend an der Komischen Oper zu gestalten. Die Idee: jeweils ein Kabarett-Lied einem Eisler-Lied gegenüber zu stellen. Allein wollte die 1955 in Stockholm geborene Opernsängerin dabei nicht auf der Bühne stehen, ein Schauspieler war für sie der ideale Partner. Als sie Wolfram Koch in Herbert Fritschs Murmel Murmel an der Berliner Volksbühne sah, sollte er und kein anderer sie begleiten. Eine gute Wahl.

Nach Douce France und „Die alte Frau“ in Leonard Bernsteins Candide steht die vielseitige Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter zum dritten Mal auf der Bühne der Komischen Oper. Knapp einhundert Minuten bestreitet sie gemeinsam mit ihrem Gegenüber unter der musikalischen Leitung von Adam Benzwi, der am Flügel sitzt.

Huhn
Anne Sofie von Otter & Wolfram Koch. Foto: Monika Rittershaus.
Huhn
Anne Sofie von Otter. Foto: Monika Rittershaus.

Eng am Original und doch befreit von Nostalgie

Mal mit warmem Timbre, wunderschön in den Tiefen, klangvoll, weich, voluminös rollt der Weltstar sich singend über den Boden. Mal trägt sie ein Plastikhuhn unter dem Arm, wechselt von Lackschuhen und schwarzem Outfit im Partnerlook mit Wolfram Koch zu Sackkleid, Federboa, lila Zylinder und Riemchenschuhen, die aufgereiht auf dem Kleiderständer und Requisitentisch auf der Bühne sind. Er trägt mal Fisch, dann rote Lackpumps, französische Baskenmütze, assistiert ihr mit Federfächern, springt auf den Flügel, steht auf dem Stuhl und fegt über die Bühne. Sie singen bewußt neben-, aber nicht miteinander. Obwohl er kein singender Schauspieler ist, sind sie sich ebenbürtig  im zwar offiziell ausverkauften Haus mit vielen leeren Plätzen an diesem Premieren-Abend. Sie singen keine Liebes-Duette. Mit ungeheurer Einfühlsamkeit und fast 40-jähriger Bühnenerfahrung weiß die schwedische blonde Operndiva, wann sie nur hauchen, wann sie innig oder expressiv spielen, schweigen oder lachen muss.

Auch wenn ihre Stimme in den Höhen ein wenig dünner und brüchiger geworden ist, ist es ein Genuss, sie sinnenfroh, 10 Jahre jünger aussehend, auf der Bühne erleben zu dürfen. Von den 20ern in die 30er und weiter in die 40er Jahre des Berlin der Nazizeit geht der Abend. Kurt Weill, Paul Dessau, Peter Kreuder, Michael Jary, Zarah Leander, Marika Rökk und Marlene Dietrich werden lebendig. „Lili Marleen“ wird wunderbar mehr gesprochen als gesungen von Wolfram Koch.

20er Jahre mit Einflüssen aus dem Balkan und der amerikanischen Jazzmusik, der Besucher bekommt ein Gefühl für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit, wo eine große Sehnsucht entstand, ein Gefühl vom „das Jetzt genießen“.

Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn!
Wolfram Koch. Foto: Klaus Dyba.

Energetische Musik, frei und ungezwungen

Mit einer Vorauswahl von 80 Liedern ist der seit 1984 in Berlin lebende Kalifornier Adam Benzwi zu Sofie von Otter gereist. Zwei Tage haben sie sich durch die Stücke gespielt und gesungen, dann hatten sie 15 Ja- und weitere 15 Vielleicht-Lieder, von denen am Ende 22 übrigblieben. Der Abend beginnt mit „Heut´ Abend lad ich mir die Liebe ein!“ und endet mit „Musik! Musik! Musik!“ Dazwischen Lustiges, Kritisches, Politisches. „Ein Koffer spricht“, „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“, „Mein Gorilla hat ´ne Villa im Zoo“, „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ und „Suschen ach“, wunderbar gelispelt von Wolfram Koch der sich die Seele aus dem Leib singt und spielt, zu seinem nicht Singen können steht und stattdessen mit Humor, Tanz- und Springeinlagen begeistert. Nur seine Slapstick-Versprecher sind fehl am Platz. Der Abend ist eine Melange aus Gesangsnummern aus Filmen, Evergreens, Liedern von in der Nazizeit verfemen und mitgeschwommenen Künstlern.

Ein wenig fehlt dem Ganzen die Dramaturgie, der große Bogen. Dennoch großer Applaus am Schluss für die beiden und die wunderbaren neun Instrumentalsolisten an Klarinette, Trompete, Bass-Posaune, Drumset, Gitarre/Mandoline/Banjo, Violine und Singender Säge, Violoncello, Kontrabass und Klavier.

Daniela Debus
(08-03-2020)

* Nur noch 2 weitere Aufführungen in dieser Spielzeit. Restkarten gibt es an der Abendkasse.

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Daniela Debus
Daniela Debus

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Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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