Die Vögel – Ein Mann will den Menschen und ihrer grauenvollen Kunst entkommen, ein anderer hatte Pech bei den Frauen. Jetzt hoffen beide, Hoffegut und Ratefreund, ihr Glück bei den Vögeln zu finden. Gesucht wird „ein Ort ohne Ärger, wo wir uns niederlassen und unser Leben verbringen können.“ Da es diesen so noch nicht gibt, wollen sie gemeinsam mit den Vögeln einen neuen Staat mit Namen Wolkenkuckucksheim gründen und ihnen ein sozial und politisch geordnetes Gefüge geben. Dabei hetzen sie die Vögel gegen die Götter auf. Prometheus warnt vor dem Zorn des Göttervaters Zeus, doch sein Warnen wird ignoriert.

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Die Vögel ist eine Oper in zwei Akten von Walter Braunfels (Musik und Libretto) nach der antiken Komödie Die Vögel von Aristophanes, die in den Jahren 1913 bis 1919 entstand und am 30. November 1920 im Nationaltheater in München uraufgeführt wurde. “Beigewohnte” Vorstellung (gestreamt): Bayerische Staatsoper, Nationaltheater, November 2020.

Hoffegut: Charles Workman
Ratefreund: Michael Nagy
Hoopoe: Günther Papendell
Nightingale: Caroline Wettergreen  
Prometheus: Wolfgang Koch

Bayerisches Staatsorchester
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Regie: Frank Castorf

Musik: 4,5 stars
Regie: 4,5 stars

Die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren

Vorlage der gleichnamigen Oper des deutschen Komponisten, Musikpädagogen und Pianisten Walter Braunfels (1882-1954) ist das Stück Die Vögel von Aristophanes, welches 414 v. Chr. erstmals aufgeführt wurde und heute zu den meistgelesenen antiken Komödien zählt. In diesem kabarettistischen Glanzstück kritisiert der großartige griechische Dichter, über den kaum etwas bekannt ist, die Zustände seiner Zeit aus der Vogelperspektive. Romantische Sehnsucht des Menschen, verkörpert von der Nachtigall, die es schafft, mit ihrem lieblichen Gesang träumerisch veranlagten Menschen den Kopf zu verdrehen. Braunfels macht aus der Komödie eine Tragödie, düster, in der Katastrophe endend, noch unter dem frischen Einfluss des soeben verlorenen Ersten Weltkrieges.

Die Vógel
Die Vögel ©Wilfried Hösl

Vor genau einhundert Jahren hatte die Oper ihre Uraufführung in München, nachdem Braunfels mit Unterbrechungen sieben Jahre daran gearbeitet hatte. 1915 wurde er an die Westfront geschickt, 1917 verwundet, so dass er die zwei Akte erst 1919 vollenden konnte. Die Uraufführung unter dem Dirigat von Bruno Walter am 30.11.1920 war ein voller Erfolg, dem fünfzig weitere Aufführungen folgten.

 

Die Vögel
Die Vögel - Caroline Wettergreen (Nachtigall), Michael Nagy (Ratefreund), Charles Workman (Hoffegut) ©Wilfried Hösl

Ich muss gestehen, ich bin kein Freund von Opern online. Die Atmosphäre im Theater, die schönen Kleider bei einer Premiere, das Davor und Danach, die besondere Stimmung, freudige Erwartung und Applaus oder Buhrufe im Anschluss erlebe ich lieber live, als hingelümmelt vor dem heimischen Bildschirm. Gerade, wenn es so opulent wie bei dieser Oper zugeht. Doch zu meiner großen Überraschung funktionieren Die Vögel als Stream perfekt. Der Kameraführung von Stefanie Katja Nirschl, Expertin für Live-Video am Theater, Videodesigner Andreas Deinert und den Schnitten und Großaufnahmen von Timo Raddatz ist es zu verdanken, dass der Zu-Schauer und -Hörer das Bühnengeschehen in Großaufnahme mit einer ganz eigenen Dramaturgie innerhalb der Handlung erleben kann. Jede Feinheit und Mimik sind in den Gesichtern der Sänger im Detail erkennbar. Mein Blick wird geführt, mal in die einem Kabinett ähnliche kleine Hütte, dann auf die sich drehende Großleinwand, projiziert auf eine riesige Satellitenschüssel. Ich tauche ins Bühnengeschehen ein, werde fast Teil der Inszenierung, bin viel näher dran, als ich es im Parkett oder auf einem der Rang-Plätze sein könnte. Andreas Deinert, der bereits bei Der Idiot mit Castorf zusammengearbeitet hat, lenkt spannungsreich unser Augenmerk gleichermaßen auf das große Ganze wie auch auf jedes noch so kleine Detail.

Zwischen Größenwahn und Romantik

Überhaupt das Bühnenbild: Aleksandar Denic, von der Opernwelt zum Bühnenbildner des Jahres 2014 gewählt, Professor für Film, Fernsehen und Bühnenbild an der Fakultät für Kunst und Design in Belgrad, hat gemeinsam mit der Kostümbildnerin, Brasilianerin Adriana Braga Peretzki eine Bilderralley durch die Geschichte erschaffen. Ein wenig Karneval, riesige Vögelköpfe, die Nachtigall anmutigst in großer bestickter, schulterfreier Robe, später sexy schwarzes Ledermieder; Hoffegut und Ratefreund in Achselhemd und Straßenanzug, viel Bein und Haut bei den Drosseln, NS Abzeichen an Uniform, Glitter, Straß und Sonnenbrillen, ein Prometheus zwischen 70er Jahre Diskoglitter und schrillem Weihnachtsmann, Federn, Tüll, Farbe und Ornamente.

Dazu brennt es aus der Tonne, Beutekunst taucht auf, Papageien und Styroporvögel in Grün getaucht, ein übergroßer Alfred Hitchcock, die bekanntesten Film-Sequenzen aus seinem Horrorthriller The Birds mit Tippi Hedren in der Telefonzelle und Rod Taylor im Auto, an der Hauswand das Filmplakat. Graffity, später eine Vogelhochzeit mit bemalten Eiern (nun ja) unter den Achseln, Hinterhofidylle und Krähen auf Stromleitungen.

Inszeniert hat diese Neuproduktion Frank Castorf, über viele Jahre Intendant an der Volksbühne Berlin, Regisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Burgtheater in Wien, Schauspielhaus Zürich und Residenztheater in München, außerdem berühmt für seine Richard Wagner-Inszenierung Der Ring der Nibelungen in Bayreuth 2013. Dem Ostberliner gelingt mit Die Vögel eine großartige, weil kontrastreiche Melange aus großer Oper mit ein wenig Klamauk, Humor und Spott, Gesellschaftsanalyse und Geschichte, elegant und intelligent konzipiert, manchmal vielleicht etwas trivial, aber wild, fröhlich und anders. Und so muss er zur eigenen Verwunderung diesmal keine Kritik aushalten, sondern erntet Begeisterung und großes Lob statt Wut.

Die Vögel
Die Vögel - Günter Papendell (Wiedhopf), Michael Nagy (Ratefreund), Statisterie der Bayerischen Staatsoper ©Wilfried Hösl

Die musikalische Leitung hat Ingo Metzmacher und er führt nicht nur das grandiose Orchester souverän an diesem Abend in göttliche Sphären, sondern lässt den allesamt vorzüglichen Sängern den Raum, den sie brauchen, um über sich hinauszuwachsen, mit den Musikern zu verschmelzen und zu einer musikalischen Einheit zusammenwachsen zu können. Wolfgang Koch als Prometheus, Michael Nagy als Ratefreund, Charles Workman als Hoffegut singen und spielen, dass es eine Freude ist. Kraftvoll, nuanciert, stimmlich intensiv, strahlend, ausbalanciert gestalten sie den Abend.

Die Vögel
Die Vögel - Michael Nagy (Ratefreund), Emily Pogorelc (Zaunschlüpfer), Charles Workman (Hoffegut) ©Wilfried Hösl

„Und doch sing ich sehnsuchtsvoll, mich sehnend. Wonach denn?“ Die Nachtigall im Prolog.

Mein persönliches Highlight des Abends, ich muss es gestehen, ist gleich zu Beginn der klare Sopran von Caroline Wettergreen als Nachtigall. Nicht alles was sie singt, habe ich verstanden, aber ihre Stimme ist voller Zauber, nicht von dieser Welt, sie verschmilzt mit dem Orchester, präsentiert nicht, sondern lebt zart und in reinstem Sopran singend, ihre Rolle. Wieder und wieder höre ich ihren Prolog, bin stimmlich und optisch von ihr verzaubert. Sie verzehrt sich, lockt, liebt, tröstet, sucht und begeistert in jeder Minute. Allein ihre Auftritte an diesem Abend sind Gesang in Vollendung.

Das Parkett am Premierenabend blieb komplett leer, während im 1. Rang gerade einmal 50 Auserwählte, darunter einige Journalisten, Nachfahren des Komponisten, Frank Castorf und ein paar Freunde und Mitarbeiter des Hauses die Ehre und das Vergnügen hatten, vor Ort teilnehmen zu dürfen.

Dementsprechend einheitlich begeistert – dies aber zu Recht – fiel der Applaus aus.

„Ich glaube nicht, dass über die deutsche Opernbühne je ein so absolutes Künstlerwerk gegangen ist wie dieses lyrisch-phantastische Spiel nach Aristophanes,” schrieb der Musikkritiker Alfred Einstein vor einhundert Jahren nach der Premiere. Dem ist wenig hinzuzufügen, auch wenn Braunfels später aus der Mode kam und zwischenzeitlich ein wenig in Vergessenheit geriet.

 Wie geht es aus?

Der Kampf gegen die Götter lässt sich nie gewinnen. Zeus läßt einen riesigen Sturm aufkommen, gegen den die Vögel nicht ankommen können. Wolkenkuckucksheim wird vollständig zerstört. Demütig erkennen alle die Macht des Gottes an. Ratefreund will wieder zurück zu den Menschen. Hoffegut begreift, dass er in der Begegnung mit der Nachtigall etwas Einzigartiges erfahren durfte. Er spürt, ihren Gesang noch im Ohr, „gelebt und geliebt“ zu haben.

Daniela Debus

Die Aufführung ist als video-on-demand noch abrufbar bis 5. Dezember. Dauer: 2 Stunden 45 Minuten. Ein 24h-Ticket für den Stream kostet 9,90 €. Infos HIER. Nächste geplante Aufführung am 20. Juli 2021

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Daniela Debus
Daniela Debus

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Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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