Auf der Opernbühne ist Christian Gerhaher ein gesuchter Darsteller. Zu seinen Partien zählen u.a. Eisenstein (Die Fledermaus), Posa (Don Carlo), Amfortas (Parsifal unter Kirill Petrenko), Lenau (Lunea, Holliger, UA 2018), Figaro und Conte (Le nozze di Figaro) sowie die Titelpartien in Don Giovanni, in Debussys Pelléas und Mélisande (CD bei LSO Live, Sir Simon Rattle) und in Henzes Der Prinz von Homburg. Die Schlüsselrolle des Wolfram in Richard Wagners Tannhäuser war und bleibt eine Konstante in seinem Kalender an den Häusern von Berlin, Wien, London und München. Ein Meilenstein in Christian Gerhahers Opernlaufbahn war sein Debüt als Wozzeck im September 2015 in Andreas Homokis gefeierter Inszenierung am Opernhaus Zürich. Ebenfalls in Zürich ist im November 2020 Christian Gerhahers Rollendebüt als Simon Boccanegra zu erleben (Fabio Luisi/Andreas Homoki).

 

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Herr Gerhaher, Sie sind gerade in Zürich für die Proben der Neuinszenierung von Verdis Simon Boccanegra, deren Premiere am 06.12.2020 dieses Jahres geplant ist. Letzte Woche jedoch musste das Opernhaus erstmal wieder schließen. Wie geht es Ihnen?

“Danke, mir geht es gut. Die aktuellen Einschränkungen – besonders in Deutschland – empfinde ich jedoch als bitter. Besonders schmerzt mich, dass im Rahmen der Corona-Maßnahmen die Kultur in den letzten Tagen immer wieder in einem Atemzug mit Freizeitaktivitäten, Spaßbädern oder Bordellen genannt und mit deren gesellschaftlicher Bedeutung verglichen wird.”

Wie geht es Ihnen mit den Proben des Simon Boccanegra? Gehen Sie davon aus, dass die Premiere derzeit stattfinden kann?

“Die derzeitige Lage ist auch in den Proben nicht einfach. Nachdem Intendant und Regisseur Andreas Homoki nun auch positiv auf das Corona-Virus getestet wurde, werden die Proben aktuell von seinen Assistenten geleitet, die großartig sind, aber sich natürlich an seine Regiebücher zu halten haben. Andreas Homoki wird gelegentlich per Video zugeschaltet. Ich bin aber optimistisch, dass die Premiere im Dezember wie geplant stattfinden wird, zumal da für diese Vorstellung eine Live-Übertragung durch ARTE geplant ist.”

Gerhaher
Christian Gerhaher ©Gregor Hohenberg, Sony Classical

Die Vorgänger-Produktion des Simone in Zürich war sehr traditionell und prunkvoll, ich erinnere mich an das Rollenporträt von Leo Nucci, sowie gigantische Wände und Säulen aus weißem Marmor. Das Meer war durch Projektionen fast omnipräsent. Können Sie uns schon ein wenig verraten in welche Richtung es dieses Mal bezüglich der Inszenierung geht?

“Diese Neuproduktion wird völlig anders, schon allein deshalb, weil wir keinen Chor auf der Bühne haben werden. Es ist aber sehr interessant, welche Wirkung die große Rat-Szene (Finale des ersten Aktes) auf der Bühne entfalten wird, wenn da nur ganz wenige Menschen in diesem Senatssaal sein können und der Lärm der Menge ausschließlich von draußen kommt. Es wird ungewöhnlich werden, wenn wir unter diesen Voraussetzungen von Schwertern singen, von ihrem psychologischen Ansatz her ist diese Lösung jedoch insgesamt plausibel – wenn man als Herrscher mit einer rebellierenden Meute konfrontiert ist, muss diese ja nicht immer gleich im Zimmer stehen, ihre Schreie von hinter den Fenstern können fast noch unheimlicher wirken.”

Wird diese Neuproduktion das Werk in eine andere Zeit transferieren?

“Ich möchte jetzt nicht zu viel verraten, aber das Werk wird sich in einer Epoche der Zeitgeschichte wiederfinden, in der der Adel alles, was er noch an Macht und Einfluss hatte, endgültig verlor. Diese Verlegung der Handlung ist in meinen Augen keine Sinnentstellung. Grundsätzlich denke ich jedoch, dass nicht jedes Werk in die Gegenwart verlegt werden muss. Überhaupt ist es fast unmöglich, eine wirkliche stimmige und zutreffende Inszenierungs-Zeit zu finden, denn auch die Musik selbst ist ja schon eine Art Aktualisierungs-Versuch, ganz zu schweigen vom Libretto selbst – wann entsprechen Wort und Drama schon ganz einer abgebildeten Zeit? Dennoch sehe ich den derzeitigen Zwang, alles zu modernisieren, kritisch. Ich finde, es sollten Produktionen des gesamten szenisch möglichen Spektrums gezeigt werden können. Dazu gehört auch, dass beispielsweise ein Tannhäuser auf der Wartburg mit Blick auf den Thüringer Wald seine Berechtigung hat. Derartige Ideen sind im Moment eher unterrepräsentiert. Viele Inszenierungen mit ihren Nazi-Monturen, Anzügen und Aktenkoffern wirken in ihrer Ausdrucksweise auf mich geradezu bieder und muffig.”

Lassen Sie uns noch kurz zu der musikalischen Seite des Simon Boccanegra zurückkommen. Wie geht es Ihnen als Bariton, wenn Sie mitbekommen, dass es auch Tenöre gibt, die derzeit mit großem Erfolg mit dieser Rolle unterwegs sind?

“Sie meinen jetzt wahrscheinlich Placido Domingo? Der kann das natürlich toll singen, mit seiner ja immer noch tenoralen Stimm-Farbe. Ich selbst habe da vielleicht eine etwas andere Hörgewohnheit, bin durch die Aufnahme mit  Piero Cappuccilli als Simone unter Claudio Abbado mit diesem Werk bekannt geworden, und Cappucillis Timbre als Bariton ist natürlich für diese Rolle ideal, ich kann damit ja auch selbst gar nicht konkurrieren. Ich möchte Placido Domingo damit aber nichts von seiner Alterskarriere als Bariton nehmen, es gibt ja manche derartige Entwicklungen, denken Sie beispielweise an meinen Bariton-Kollegen Wolfgang Schöne, der nun die notwendige Schwärze und Tiefe hinzugewonnen hat, um beispielsweise einen Arkel in Pelléas et Mélisande zu singen.”

Sie haben es gerade erwähnt, der Simon Boccanegra ist etwas weniger bekannt als andere Verdi Opern, wobei ich es gelernt habe, dieses Werk über die Jahre zu lieben. Wo liegen für Sie die Höhepunkte dieser Oper?

“Bereits der Prolog ist trotz seiner Gerafftheit informativ, sehr dramatisch und bewegend. Demgegenüber fällt mir die Erkennungs-Szene mit seiner Tochter wegen einer gewissen Süßlichkeit in der Rezeption etwas schwerer – aber dann kommt dafür diese geballte Dramatik im Finale des Dogenakts, auch wenn ich an dessen Beginn die Stelle mit der Erwähnung Petrarcas etwas seltsam empfinde. Hier erleben wir einen sehr umfassend erklärten Dogen, bei dem sich seine idealistische und sachliche Arbeitshaltung, seine Verzicht-Natur und seine Autorität als Kompensation seines ja nicht unverschuldet traurigen Schicksals erklärt. Der dritte Akt, die erstaunliche Aussöhnung mit Fiesco, Simones Abschied und überhaupt der verhaltene Tonfall, der mich an so viele eschatologische Schlussakte von Wagner-Opern erinnert, ist für mein Empfinden vielleicht der emotionale und ästhetische Höhepunkt dieses Werkes.”

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Christian Gerhaher als Amfortas, Parsifal, Bayerische Staatsoper 2018; ©Ruth Walz

Der Simon Boccanegra ist neben dem Posa, den Sie vor einigen Jahren in München gesungen haben, erst ihre zweite Verdi-Rolle?

“Es ist richtig, ich bin, was Verdi betrifft, kein erfahrener Sänger. Hier, wie auch beim Posa, bin ich mit einer langen Sterbens-Szene konfrontiert, was mich tendenziell etwas mit Unbehagen erfüllt, da ich damit eine große Sentimentalitäts-Gefahr verbinde. Diese besondere Ästhetik des Todes ist bei Verdi jedoch nicht wegzudenken und muss eben verstanden werden – ästhetisch eine zentrale Aufgabe, wenn man sich mit Verdi auseinandersetzt.”

Dafür konnten wir sie als phänomenalen Wozzeck erleben. Ihre Interpretation am Zürcher Opernhaus noch vor dem ersten Lockdown, hatte etwas Unvergessliches und Intensives, wie man es wirklich selten erlebt.

“Ich habe meine Liebe zu diesem Werk erst durch die Zürcher Inszenierung ganz entdeckt. Auch wenn Alban Berg selbst vieles naturalistisch sehen wollte, rückte Andreas Homoki seine Inszenierung erfolgreich und beeindruckend an die Ästhetik der Commedia dell`Arte heran. Ich fand das eine äußerst stimmige und einleuchtende Sichtweise, und obwohl es sehr viele erfolgreiche Wozzeck-Inszenierungen gibt, glaube ich, dass diese ein echter Meilenstein im Verständnis dieser wohl perfekten Oper ist. Und – die Textgrundlage von Georg Büchner ist für mich ein unglaubliches Geschenk: Zitate aus dem Wozzeck machen mir eine unglaubliche Freude. Sie versüßen mir das Leben und geben mir Lebensfreude, trotz der düsteren Atmosphäre und Bitterkeit – die Grausamkeiten und Abgründe des Lebens werden in ihrer Prägnanz und Kürze zu Sternstunden des Hörens und Lesens. Ich frage mich manchmal, was aus Büchner geworden wäre, wenn er nicht mit 23 Jahren verstorben wäre.”

Sie haben in München auch Medizin studiert. Beeinflusst das ihre Laufbahn als Sänger?

“Ja, das ist das Fach, das ich studiert habe. Wie es ohne dieses Studium wäre, weiß ich natürlich nicht, jedoch kann ich dadurch manchmal ganz gut in mich hineinhören und kann mich auch ein wenig selbst medizieren.”

Christian Gerhaher in Wozzeck (Luisi, Homoki, Gerhaher, Barkmin; Zürich 2015)

Wie sehen Sie die Zukunft der Oper und der Kulturschaffenden nach dem Lockdown?

“Wir wissen nicht, wie es weiter geht, und die Frage, ob es später noch ein Publikum geben wird, wie es vor den Corona-Maßnahmen bestand, ist ungewiss. Wir, die Darsteller, müssen das Publikum mit dem begeistern und anziehen, was wir leisten. Das können wir nun im Moment nicht. Wir sind aber auch keine Entertainer oder Animateure für die Zeit, in der es einem langweilig werden könnte, unsere Aufgabe müsste endlich differenzierter betrachtet werden. Die Theater müssen dicht machen, obwohl dort keine Übertragungen des Virus nachgewiesen werden konnten. Kirchen dagegen dürfen trotz belegter Superspreading-Fälle weiterhin offen bleiben….”


Hoffen wir, gemeinsam mit Christian Gerhaher, dass die Premiere von Simon Boccanegra im Dezember stattfinden wird.

Marco Ziegler


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Marco Ziegler
Marco Ziegler

REVIEWER

Marco Ziegler, based in Zürich, went to the opera from the age of 10 and has a keen eye and ear for the developments of the last few decades. Favourite genre: Italian Opera. Favourite operas: Aida, Don Carlo and La Forza del destino.

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Wilhelm De Groot
12 dagen geleden

Ik las het interview met Christian Gerhaher en vond het veel bla bla bla, helemaal niet passend bij de recente artikels, vooral “Opera is not a museum” waar al die regiepoespas terecht op zijn juiste plaats gezet wordt. Die Wozzeck van Homiki is een miskleun van formaat, op het eerste zicht oogt het mooi met al die pastelkleuren en karikaturale kostuums, maar daar ben je na tien minuten op uitgekeken. Kijk eens naar de oude opname met Toni Blankenheim, geregisseerd door Joachim Hess. Dat is Wozzeck! Homoki maakt er een idiote poppenkast van. Van de aangekondigde Simon Boccanegra verwacht ik… Lees verder »