Der Rosenkavalier in Berlin. Nach knapp 5 Stunden, die trotz Farb-, Kostüm- und Musikrausch einige ermüdende Längen empfinden lassen, tosender Applaus mit vielen Bravo-Rufen für die Sänger und Orchester. Viele laute Buhs – zu Unrecht – der Enttäuschten für Regie und Inszenierung.

 

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Der Rosenkavalier von Richard Strauss. Komödie für Musik in drei Akten. 1910. Libretto von Hugo von Hofmannsthal. Uraufführung im Königlichen Opernhaus Dresden am 26. Januar 1911.
Von Opera Gazet besuchte Aufführung: Premiere am 9. Februar 2020, Staatsoper Berlin.

Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Camilla Nylund sopraan
Baron Ochs auf Lerchenau: Günther Groissböck bas
Octavian: Michèle Losier mezzo-sopraan
Herr von Faninal: Roman Trekel bariton
Sophie: Nadine Sierra sopraan
Jungfer Marianne Leitmetzerin: Anna Samuil sopraan
Valzacchi: Karl-Michael Ebner tenor
Annina: Katharina Kammerloher alt
Ein Polizeikommissar: Erik Rosenius bas
Haushofmeister bei der Feldmarschallin: Florian Hoffmann tenor
Haushofmeister bei Faninal: Linard Vrielink tenor
Ein Notar: Jaka Mihelač bas
Ein Wirt: Andrés Moreno García tenor
Ein Sänger: Atalla Ayan tenor
Eine Modistin: Victoria Randem soprano
Papierkünstler: Lorenzo Torres

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

Musikalische Leitung: Zubin Mehta
Inszenierung: André Heller

Muziek:
Regie:

Mädchen gegen Frau. Geld für den gesellschaftlichen Aufstieg, Eine junge Frau soll als Ware an einen viel älteren Adeligen vom eigenen Vater verschachert werden. Am Ende siegt die Liebe.

Nach Salomé und Elektra als Bürgerschreck verschrien, wollte Richard Strauss mit Hugo von Hofmannsthal in ihrer beider ersten kompletten Zusammenarbeit eine Lustspieloper schaffen. In einem Briefwechsel, eigens für die Nachwelt kreiert, sie siezen sich darin, während sie sich privat duzen, dokumentieren sie die Entstehung dieser Komödie für Musik. Lieder, Arien, Walzer, ein klarer musikalischer Aufbau.


Für alle Zeit und Ewigkeit

Eine gestandene Frau in der Blüte ihrer Jahre und ihr noch minderjähriger Liebhaber Octavian im Bett. Unangemeldet stört der Cousin der Feldmarschallin, Baron Ochs auf Lerchenau, das heimliche Rendezvous. Einen Brautwerber sucht er für seine Heirat mit der reichen jungen Sophie. Der primitive Casanova macht der Kammerzofe, dem verkleideten Octavian, den Hof, prahlt mit seinen Liebschaften, läßt vom Notar einen sehr speziellen Mitgift-Vertrag aufsetzen.

Der zweite Akt spielt im Hause des reichen Faninal, Vater der Braut. Ein Fest. Octavian überbringt eine silberne Rose, hält eine Ansprache. Die beiden jungen Leute schauen sich tief in die Augen. Der zukünftige Schwiegersohn tätschelt und demütigt die Braut. Während Vater und Bräutigam nebenan den Vertrag unterzeichnen wollen, gestehen Octavian und Sophie einander ihre Zuneigung und besiegeln diese mit einem Kuss. Ein Intrigantenpaar kommt aus seinem Versteck, verrät die zwei, ruft den Bräutigam. Den stört es wenig, wer seine Braut küsst. Octavian reizt ihn, der Degen wird gezogen, der Lerchenauer wird leicht am Arm verletzt, jammert, freut sich dann auf ein Treffen mit der vermeintlichen Zofe seiner Cousine.

Rosenkavalier
Michèle Losier Octavian) und Camilla Nylund Feldmarschallin Fürstin Werdenberg) Credits: Ruth Walz

Im dritten Akt treffen sich Bräutigam und Zofe „Mariandl“. Ochs will sie mit Gewalt erobern. Intrigantin Annika stürmt mit Kindern herein, die alle Papa rufen. Zu viel für den Brautvater. Polizei, Braut, Wirt kommen hinzu. Mariandl alias Octavian klärt den Polizisten auf. Die Hochzeit mit dem Großkotz wird daraufhin abgesagt. Die Liebe zwischen Sophie und Octavian siegt, auch dank der weisen Feldmarschallin. Sie ist, obwohl sie am Ende des Stückes leer auszugehen scheint, keine Verliererin, sondern eine schöne, welterfahrene, weise, finanziell unabhängige Strippenzieherin, die, wenn sie denn wollte, der unerfahrenen, anmutigen jungen neureichen Klosterschülerin Sophie weit überlegen wäre.


Jedes Ding hat seine Zeit

Der Wiener Multimedia- und Aktionskünstler, Dichter, Chansonnier, Poet, Schauspieler und Kulturschaffende André Heller wurde mit diesem Werk im Alter von fast 73 Jahren erstmals zum Opernregisseur.

Sein Debüt ist mehr als gelungen, weil er nah am Original und im Wien zurzeit Maria Theresias bleibt. Er fühlt sich „Strauss und Hofmannsthal verpflichtet“ und „will mit seinen Wiener Verbündeten für Sinnlichkeit, Schönheit, Genauigkeit sorgen, den instrumentalen und menschlichen Stimmen den idealen Gesamtrahmen schaffen“. Es gibt in diesem Klassiker zahlreiche Querbezüge, Kosenamen, die von real existierenden Personen abgeleitet sind. Aus dem Schwein wird ein Ochs. Ein Gemälde, „Jupiter und Io“, welches erst an der Wand hängt, erscheint später in den erotischen Fantasien des Ochs.

Die Sprache ist ausgefeilt, die literarische Qualität des Textes von höchster Qualität. Hofmannsthal wurde von einem Gemälde aus William Hogarth „Marriage A-la-Mode” zur Szene des Levers im 1. Akt inspiriert. Textbuch und Partitur sind voller Stilzitate und Anspielungen auf Klassiker von Molière „Le Bourgeois Gentilhomme“, Walzer-Anleihen, Ironie, Schmachtfetzen und Kuriositäten. In André Hellers und Xenia Hausners Inszenierung befinden wir uns in einer zweiten Ebene, auf der Bühne einer fiktiven Benefizvorstellung, welche nur einmal am 9. Februar 1917 aufgeführt wurde.


Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

André Heller, der Sohn eines Süßwarenfabrikanten ist mit Oper groß geworden. Der Rosenkavalier begleitet ihn, seit er ein kleiner Junge war. Das ist nicht von ihm nur so dahingesagt, sondern belegt durch ein Foto, welches ihn als 7-jährigen Knaben im Kostüm des Rosenüberbringers zeigt. „Positiv erschüttern“ wollte Heller sein Publikum.

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben eine Komödie für Musik geschaffen, die auch als Theaterstück (eher selten) aufgeführt wird. André Heller und seine österreichischen Teamkollegen haben sie behutsam einer eigenen Deutung und Interpretation unterzogen, sich in den Malerkreis um Klimt, die damalige Begeisterung für Japonismus in Mode und Einrichtung, Angeberei und Jeunesse dorée hineinversetzt. Xenia Hausner, die weltweit gefeierte Malerin, hat nach 28 Jahren erstmals wieder ein Bühnenbild gezaubert. Der Wiener Wolfgang Schilly, international gefeierter Opernkenner und selbst Regisseur, hat Heller genial bei der Regie unterstützt. Die farbenprächtigen an schönste Haute Couture erinnernde Kostüme stammen vom jungen in Wien geborenen und aufgewachsenen Modedesigner Arthur Arbesser, welcher sieben Jahre für Giorgio Armani in Mailand tätig war, bevor er sein eigenes Modelabel gründete.

Rosenkavalier
Nadine Sierra (Sophie), Michèle Losier (Octavian) und Ensemble Credits: Ruth Walz

„Komponiert wie Öl und Butterschmalz“

Der ewig junge und wieder genesene Zubin Mehta dirigiert nach einigen kleineren Startschwierigkeiten an diesem Premierenabend die Staatskapelle mit genau den richtigen Tempi. Camilla Nylund, die ihr Debüt an der Met im Dezember 2019 als Marschallin gab, singt spektakulär. Erfrischend jung, stimmgewaltig und schauspielerisch ein Genuss ist die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier als Octavian. Publikumsliebling an diesem Abend ist der Bass Günther Groissböck als Baron Ochs auf Lerchenau, der mit seiner einzigartigen Interpretation bereits das Publikum bei den Salzburger Festspielen faszinierte.

Ein lesenswertes kleines Büchlein ist das liebevoll gestaltete silberne Programm zum Rosenkavalier. Auf 132 Seiten hat Benjamin Wäntig, seit gut drei Jahren Dramaturg an der Staatsoper Unter den Linden Wissenswertes zum Stück und seiner Entstehung zusammengetragen. Besonders schön darin, die aufgeschnittenen Figuren der Hauptdarsteller in ihren Kostümen und die doppelseitigen Bühnenansichten.

André Heller zieht uns in die Gesellschaft Wien der Jahrhundertwende hinein, zu Zeiten Maria Theresias.

Die Feldmarschallin hat es kommen sehen. Irgendwann wird der Jüngling sich zu einer Jüngeren hingezogen fühlen. Doch während er noch hilflos unschlüssig zwischen ihr und Sophie steht, verzichtet sie großzügig, überläßt die Jungen ihrer Liebe, fährt Faninal in ihrem Wagen heim. Octavian und Sophie folgen.

Genial, das stimmlich überragende Schlussterzett vor leerer Opernbühne.

Nach knapp 5 Stunden, die trotz Farb-, Kostüm- und Musikrausch einige ermüdende Längen empfinden lassen, tosender Applaus mit vielen Bravo-Rufen für die Sänger und Orchester. Viele laute Buhs – zu Unrecht – der Enttäuschten für Regie und Inszenierung.

Daniela Debus
(12-02-2020)

 

Weitere Aufführungen am 13., 16., 19., 22. und 29.2. Das ZDF/3sat zeigt die Aufzeichnung der Premiere am 21. März 2020 um 20.15 Uhr. Das Palais Populaire im Prinzessinnenpalais gleich nebenan Unter den Linden 5 zeigt Gemälde, das Modell des Bühnenbilds und Skizzen von Xenia Hausner unter dem Titel „This will have been another happy day!“ bis zum 2. März. Mit der Karte für die Oper hat man freien Eintritt in die wirklich lohnenswerte Ausstellung.

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Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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