Samson et Dalila. Ein stimmiges Historien-Gesamtkunstwerk.

Samson et Dalila, Oper in drei Akten (1877/1892), Musik von Camille Saint-Saëns, Text von Ferdinand Lemaire. Staatsoper Berlin. 24/11/2019.

Dalila: Elīna Garanča
Samson: Brandon Jovanovich
Oberpriester des Dagon: Michael Volle
Abimélech: Kwangchul Youn
Ein alter Hebräer: Wolfgang Schöne
Erster Philister: Andrés Moreno García
Zweiter Philister: Jaka Mihelač
Bote der Philister: Javier Bernardo

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Damián Szifron

Muziek:
Regie:

Ein Hund, der ein Wolf sein soll, läuft zuerst über die Bühne. Später wird ein toter Stier an einem Seil gezogen.

Der Filmregisseur Damián Szifron hat Camille Saint-Saëns Oper Samson et Dalila an der Berliner Staatsoper Unter den Linden inszeniert, Daniel Barenboim hat den Abend dirigiert.

Mehr als Liebe, Verrat und Tod

Das Bühnenbild von Étienne Pluss spielt mit wunderbaren Bildern. Am Himmel wechseln sich die Tageszeiten ab, Sterne vor tiefblauem Hintergrund, der Mond leuchtet weiß, eine orangefarbene Sonne, Morgenrot, karge Felslandschaften, Staub. Im letzten Bild die Feuersbrunst hinter den schwarzen Säulen des einstürzenden Tempels. Dazwischen eine Handlung voller Krieg, Unterdrückung, Liebe, Leidenschaft, Misstrauen, Verrat und Tod.

Samson & Dalila zählen zu den großen Liebespaaren der Geschichte. In der Malerei haben sich alle Großen von Mantegna, van Dyck, Rembrandt bis Rubens dieses Themas angenommen. Nachdem die Oper in Frankreich zunächst als „zu wenig französisch“ abgelehnt wurde, gehört sie heute zu den meistgespielten Werken des französischen Repertoires. Christa Ludwig, Agnes Baltsa, Waltraud Meier, Placido Domingo und Roberto Alagna sangen die Titelpartien.

Brandon Jovanovich (Samson) Credits: Matthias Baus

Die Handlung spielt in Gaza um 1150 vor Christus. Die Juden werden von den Philistern unterdrückt. Samson tötet deren Anführer Abimélech. Trotz Warnung verfällt er der schönen Dalila, die ihn für Geld an die Feinde verrät. Es gelingt ihr, Samson das Geheimnis seiner Kraft zu entlocken. Es ist sein nie geschnittenes, langes Haar. Im Schlaf wird es ihm abgeschnitten. Die Philister nehmen ihn gefangen, stechen ihm die Augen aus, feiern mit einem opulenten Fest den Sieg. Der Gefangene wird hereingeführt und verspottet. Er bittet zum Himmel, nur noch einmal seine alte Kraft zurück zu bekommen. Sein Wunsch wird ihm gewährt. Daraufhin lässt er sich zu den Säulen des Tempels führen und drückt diese auseinander. Das Gewölbe stürzt ein und begräbt ihn und viele der Philister unter sich.

Antike Kunst auf der Bühne

Brandon Jovanovich gilt aktuell zu Recht als einer der führenden Tenöre des französischen und italienischen Fachs. Er ist auf den Bühnen von Salzburg, München und Wien zu Hause, meistert alle Partien grandios, auch aus schwierigsten Lagen heraus, wenn er gefesselt mit den Händen nach oben eine gefühlte Ewigkeit am Seil hängen muss, geboxt, geschlagen und gefoltert wird. In den Höhen klingt er manchmal ein wenig blechern, doch sein Stimmvolumen in den Tiefen und seine Bühnenpräsenz begeistern. Von stark und kraftvoll als Anführer seines unterdrückten Volkes, erst zurückhaltend, dann verliebt voller Leidenschaft immer wieder „Je t´aime“ zu Dalila hauchend, schmerzvoll und traurig, geblendet im Kerker an den Mühlstein gekettet, gelingt es ihm, jede Facette nuancenreich zu meistern und die Rolle, wenn auch nicht schauspielerisch, so doch stimmlich auszufüllen.

Elina Garanca hat bereits an der Seite Roberto Alagnas als Dalila begeistert. Die vierfache Echo-Preisträgerin, von der New York Times als beste Carmen seit 25 Jahren bezeichnet, betört mit ihrem Timbre, nicht nur im berühmten Liebes-Duett „Mon coeur s´ouvre à ta voix“/Mein Herz öffnet sich dir“, auf dem Rücken liegend, bevor Samson mit ihr schläft. Nach diesem Liebesakt kastriert sie ihn, beraubt ihn seiner Haare und damit seiner Stärke und Männlichkeit.

La Traviata

Mühelos meistert die in Riga geborene, als Sängerin des Jahres 2007 und 2010 ausgezeichnete Mezzosopranistin, auch dank ihrer hervorragenden Gesangstechnik alle Partien, verführt und betört nicht nur Samson, sondern auch das Publikum in ihren Soli. Mit schwarzer Perücke wirkt sie sinnlicher und stärker, als blass und blond in dieser Partie vor einem Jahr an der Wiener Staatsoper.

Michael Volle verschmilzt mit seiner Rolle als Oberpriester des Dagon stimmlich und gestalterisch. Er dominiert die Bühne von dem Augenblick an, in dem er sie betritt. Sein kraftvoller Bariton klingt warm, stark und gewaltig. Das Berliner Publikum liebt ihn zu Recht. Überhaupt sind die Sänger alle an diesem Premierenabend ein Genuss. Man möchte die Augen schließen und noch einmal nur die Musik genießen. Das Orchester, die Staatskapelle Berlin unter der musikalischen Leitung ihres Dirigenten klingt viel voluminöser, als sie es an Instrumenten ist.

Auch der Chor unter Leitung von Martin Wright ist in jedem Augenblick phantastisch geführt. Ob geknechtet oder nackt dekadent den Sieg feiernd, jeder Wechsel gelingt gesanglich und darstellerisch mühelos. Dieser Chor gilt zu Recht als einer der besten weltweit.

Wie modern muss Oper sein?

Die karge, abgestorbene Landschaft als Metapher für den jetzt kraftlosen, seiner Stärke beraubten Samson. Mit Paukentremoli und Blitzmotiven unterlegte Liebesschwüre. Es folgen Donner und Gewitter zu Samsons Gefangennahme. Das Liebesduett ist trotz Harfenbegleitung keine Idylle. Als sich Samson auf seine Ehre rückbesinnt, ertönen Fanfarenmotive und Trompete für die Herrschaft seines Gottes.

Brandon Jovanovich (Samson) und Elīna Garanča (Dalila) Credits: Matthias Baus

Camille Saint-Saëns hat seine Oper, die er 1878 nur Dalila nach der weiblichen Protagonistin benannte, als sein Hauptwerk bezeichnet. Erst 33 Jahre nach den ersten Skizzen kam es zur Uraufführung und der Erfolg ließ noch weitere 17 Jahre in Frankreich auf sich warten. Die Oper war ihrer Zeit einfach zu weit voraus. Dem Engagement Franz Liszts ist es zu verdanken, dass die ein Jahr zuvor fertig gestellte Oper, ursprünglich als Oratorium geplant, zur Uraufführung in Weimar kam. In Frankreich war es zu dieser Zeit noch zu früh für eine Femme fatale. Erst 1875 bis zur Wende zum 20. Jahrhundert eroberten starke Frauen wie Salomé, die Venus im Tannhäuser oder Bizets Carmen die Opernbühnen. Ab da bestimmt der Konflikt, das Schwanken zwischen Ehre und Pflicht auf der einen und Liebe auf der anderen Seite die französische Oper des Ancien régime. Samson verweist ständig auf seine Pflicht, seinem Volk beistehen zu müssen in dessen Not. Gleichzeitig lässt er sich von Dalila verführen. Zu Beginn des zweiten Aktes lässt das Tremoli der tiefen Streicher mit den darüber liegenden Bläserakkorden die nahende Katastrophe erahnen. Prächtige Tableau-Szenen, in denen der Chor eine bedeutende Rolle spielt, werden abgelöst im dritten Akt durch die Demütigung Samsons, eine Massenhinrichtung anderer Gefangener, sinnenfreudigem und dekadentem Feiern voller Wollust bis hin zum Katastrophenfinale, als der besiegte und geschundene Samson den Tempel zum Einstürzen bringt.

Als der letzte Ton verklingt, bricht Jubel aus

Nur Damián Szifron wird für seine Inszenierung ausgebuht. Zu Unrecht! Der Drehbuchautor, Film- und Fernsehregisseur, wie Daniel Barenboim in Argentinien geboren und von diesem nach seinem Film „Wild Tales“ nach Berlin eingeladen, die Oper mit Barenboim als Dirigent zu inszenieren, hat ein in sich stimmiges Historien-Gesamtkunstwerk geschaffen, welches an Monumental- und Bibelfilme erinnert. Er hat eine Oper gemalt, hat sie in ihrer Zeit belassen, sie nicht mit freistehender Badewanne oder Darstellern in Faltenröckchen und gebügelter Polyesterbluse absurd in die heutige Zeit übertragen. Kenntnisreich und mit Gefühl hat er sie nur in Nuancen modernisiert. Ihm war es wichtig „die wahren Beweggründe hinter jeder Aktion aufzudecken“, Fragen zu stellen, es nicht bei einer Liebesgeschichte mit anschließendem Verrat zu belassen. „Warum überdauern Mythen die Zeit? Welche Stränge unserer DNA stimulieren sie?“ Gekonnt verknüpft er in dieser Oper Musik mit Literatur, Tanz, Malerei und Theater und kreiert so das perfekte Drei-Gänge-Menü. Aus der Verräterin lässt er am Ende eine Komplizin werden, die ihren fatalen Fehler erkennt, vielleicht sogar bereut und selbst zur Mörderin an ihrem Auftraggeber wird.

Daniela Debus
(Berlin, 27-11-2019)

Kommende Aufführungen am 27. und 30.11., 3., 7. und 11.12.2019

Daniela Debus
Daniela Debus

Reviewer

Daniela Debus is an art historian, cultural journalist and author. Location Berlin. Wrote a book about Salomé (Hirmer Verlag). For Opera Gazet, she reviews Berlin's opera premieres.

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